Bye, bye, Berlin – 25C3 – Tag 4

Mein TV-be-goneAb heute bin ich ebenfalls ein stolzer Besitzer des TV-be-Gone (siehe Bild links). Eine gute Ergänzung dazu könnte ein Consumer-be-Gone-Device darstellen, dessen Grundprinzipien von den französischen Hackern Sébastien Bourdeauducq und Philippe Langlois in einem Lightning Talk vorgestellt wurden. Gemäss einer Schätzung der Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels (HDE) werden pro Jahr etwa 100.000 Einkaufswagen deutschlandweit entwendet. Einige Handelsketten (in Frankreich) haben dagegen eine Diebstahlsicherung für Einkaufswagen installiert (CartControl). Bei diesem System sind rund um das Einkaufszentrum Antennen im Boden einbetoniert, deren ausgestrahltes Signal die Räder eines darüberfahrenden Einkaufswagens blockieren lassen (siehe kleines Video rechts). Bourdeauducq und Langlois haben herausgefunden, dass man die Räder auch mit einem bestimmten Audiosignal blockieren kann. Die Audiosignale zum sperren und entsperren der Räder findet man auf ihrer Website im MP3-Format, womit man beispielsweise sein Handy ausrüsten kann. Ausserdem haben sie erste Skizzen eines kleinen Gerätes gezeigt, das verdeckt auf Schuhhöhe eingesetzt werden könnte.
Alexander Rodis brachte in seinem Lightning Talk den Zuhörern den “Datenstollen” näher. Die Frankfurter Rundschau hätte eigentlich einen Weihnachsstollen per Kurier erhalten sollen, doch im erhaltenen Paket waren Tausende Daten von Kreditkartenbesitzern der Landesbank Berlin (LBB) enthalten. Die Erklärung, wie es zu diesem “Datenunfall” gekommen ist, stellte sich als haarsträubende Story heraus: der vermeintliche Datenskandal war die Folge eines vertuschten Weihnachtsstollendiebstahls. Zwei Kurierfahrer hätten das an die Frankfurter Rundschau adressiertes Paket mit Weihnachtsgebäck geöffnet und den Inhalt gegessen. Anschliessend klebten sie das Etikett des Stollenpaketes auf eines von sechs für die Landesbank Berlin bestimmte Pakete. (Quelle: Finacel Times Deutschland, “Daten statt Stollen“, 19.12.2008).

Bicyclemark hielt auch dieses Jahr einen öko- und geopolitsch geprägten Vortrag. Er ist seit 10 Jahren ein Soja-Konsument und hatte dabei ein gutes Gefühl. Doch plötzlich beschlichen ihm Zweifel, ob der Konsum von Soja wirklich so umweltfreundlich ist, wie man oft hört. Deshalb beschäftigte er sich näher mit der Sojaproduktion. Zur Zeit ist die USA der grösste Soja-Produzent auf der Welt (70 Mio Tonnen, rund ein Drittel der Weltproduktion), wird aber voraussichtlich in den nächsten Jahren von Brasilien (André Maggi Group) überholt werden (derzeit 58 Mio Tonnen). Auch Paraguay gehört zu den grösseren Soja-Produzenten (Platz 6 mit 3,9 Mio Tonnen), die Farmen sind jedoch überwiegend in den Händen von brasilianischen Grossgrundbesitzern, was bereits zu ersten Aufstände paraguayanischer Kleinbauern führte. Die Soja-Produktion wurde mit Hilfe genmanipulierter Sojasorten erhöht. Technologieführer in diesem Bereich ist Monsanto. Doch diese Erhöhung der Soja-Produktion hat einige Nebeneffekte: Zunahme des Einsatzes von Insektizide und anderen Chemikalien, Zerstörung des Regenwaldes zur Steigerung der Anbaufläche sowie noch nicht absehbare Langzeiteffekte durch den Verzehr genmanipulierten Sojas. In der EU ist der Verkauf von genmanipulierten Soja-Produkten im Verkauf verboten, jedoch nicht das Verfüttern von genmanipuliertem Soja an Nutztieren, deren Produkte und Fleisch frei gekauft werden kann.

In einem anderen Vortrag wurde Wikileaks vorgestellt. Wikileaks ist schon seit einigen Jahre im Netz aufgeschaltet, mit der Idee ein unzensoriertes Wikipedia voller geleakter Informationen aufzubauen. Bis jetzt schloss ich Wikileaks bei meiner Quellensuche nicht mit ein, weil ich der Meinung bin, dass dort jeder irgendwelche Behauptungen veröffentlichen kann. Die Überprüfung der Informationen stellt sich dabei als noch schwieriger heraus, als dies bei Wikipedia schon der Fall ist. Gemäss Wikileaks stimme das so nicht, denn jedes geleakte Dokument werde durch ein Advisory-Board überprüft – wie gut dies funktioniert, ist jedoch schwer feststellbar. Ich persönlich bin der Meinung, dass sich die inhaltliche Qualität von Wikileaks in den letzten Monate verbessert hat. Wikileaks veröffentlichte beispielsweise die Internet-Zensurlisten von Italien, Thailand und die Direktiven bei der Zensurierung von Internetinhalten in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Übrigens haben Schweizer Internetprovider seit anfangs 2007 ebenfalls mit Sperrungen begonnen, die sich anscheinend auf die Zensurliste Dänemarks abstützen. Trotzdem, zur Zeit kann mich Wikileaks noch nicht vollständig überzeugen.

Berlin by NightWie jedes Jahr neigte sich der Kongress mit den Security Nightmares von Frank Rieger und Ron langsam dem Ende zu. Viel neues konnten sie jedoch nicht präsentieren – alles war schon vorher dagewesen, nur die Intesität der Datenschlampereien und der Sicherheitslöcher hatte zugenommen. Natürlich war auch dieses Jahr in den USA beinahe monatlich der Blödsinn zu lesen, dass die “bösen Hacker” die Stromversorgung runterfahren oder gar die Börse ins trudeln bringen könnten – letzteres wurde jedoch von der Finanzwirtschaft bereits selber erledigt.
Der Kongress zählte dieses Jahr insgesammt 4230 Besucher, die 5116 IP-Nummern benutzten. Trotz diesem neuen Rekord möchten die Organisatoren das BCC als Austragungsort beibehalten, weil die Zusammenarbeit mit den BCC-Verantwortlichen hervorragend klappt – entschieden ist derzeit aber noch nichts. Die Videos zum Kongress (rund 130 Stunden) werden nach und nach zum Downloaden bereitstehen.

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3 Responses to Bye, bye, Berlin – 25C3 – Tag 4

  1. Bastian says:

    Also auf das TV-be-Gone bin ich schon jetzt neidisch ;-) *auchhabenwill*

    Das ding mit CartControl geht ja schon fast in die Richtung des Blueboxing (was die Akkustische Sperrung/Entsperrung betrifft). Kreativer umgang mit Technologie ;-)

  2. Nachtrag zu den Schweizer Internetsperrlisten

    Im “Bericht innere Sicherheit der Schweiz 2008″ ist folgendes zu lesen:

    Die Sperrung bekannter Webseiten mit kinderpornografischem Angebot wurde [2007] in Betrieb genommen und lief [2008] erfolgreich. Freiwillig beteiligten sich zehn Schweizer Provider, darunter die fünf mit den meisten Kunden, und sperrten den Zugriff auf kommerzielle Angebote an Kinderpornografie. Die Blockade richtet sich gegen kommerzielle Anbieter illegaler Kinderpornografie im Ausland. Die Liste der zu blockierenden Seiten wird international aktualisiert, wobei jeder Eintrag von fedpol (Kobik) zusätzlich auf die Schweizer Rechtslage hin überprüft wird. Ein Update der zu sperrenden Seiten erfolgt vierteljährlich.

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