27C3 – Tag 0 – Vorbereitungen

27C3 Propaganda-PosterAls erstes eine Mitteilung in eigener Sache: ich begrüsse alle Benutzer, die von trust-us.ch bzw. chscene.ch nach offiziere.ch umgeleitet wurden (Erklärungen zu offiziere.ch). Trust-us.ch konzentrierte sich auf die Archivierung von Texten, Audio- und Videomitschnitten aus dem Tätigkeitsbereich des Chaos Computer Clubs (CCC). In den letzten fünf Jahren änderte sich einiges: einerseits hat sich mein Fokus stärker hin zu sicherheitspolitischen Themen gewendet, andererseits wird heute die Archivierung des CCC-Materials von anderen Clubmitgliedern viel professioneller sichergestellt (beispielsweise von Tim Pritlov oder vom Club selber). Nicht nur wurde in den letzten zwei Jahren keine Zeit mehr in trust-us.ch investiert, auch wurde die Sammlung zu einer unnötigen Doppelspurigkeit. Da ich mich schon seit längerem nur noch auf offiziere.ch konzentriere, habe ich mich deshalb entschlossen trust-us.ch einzustellen. Ich hoffe, dass der eine oder andere umgeleitete Leser auch hier interessante Artikel finden wird, vielleicht ab und zu einen Kommentar hinterlassen oder womöglich sogar selber einen Artikel einreichen möchte (momentan suche ich deutschsprachige Co-Autoren; Interessenten können sich hier melden). Hacken beschränkt sich nicht auf den Computer – der CCC versteht darunter einen “kreativen und respektlosen Umgang” mit Technik. Heutzutage ist ein “kreativen und respektlosen Umgang” auch in anderen Bereichen notwendig, beispielsweise beim Umgang mit Medien (Stichwort Medienkompetenz) oder mit der Auseinandersetzung mit (sicherheits)politischen Themen (ein Praxisbeispiel).

Dieses Jahr nehme ich zum 13. Mal am Chaos Communication Congress in Berlin teil. Wie seit einigen Jahren ist der Congress eine willkommene Gelegenheit mit geschätzten Freunden nach Berlin zu reisen, sich zu treffen und sich über Informatik im Allgemeinen bzw. Computersicherheit im Speziellen, sozialpolitische sowie sicherheitspolitische Themen zu unterhalten. Natürlich berichte ich auch dieses Jahr direkt vom Kongress. Der Kongress-Fahrplan ist in der momentanen Version 0.4 noch nicht komplett, trotzdem sind einige interessante Vorträge aufgeführt, an welchen ich teilnehmen möchte.

Ein wichtiger Themenbereich befasst sich mit staatlicher Überwachung und Zensur. Seit 2006 fand unter der Ausschluss der Öffentlichkeit Verhandlungen zum Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) statt. Auch die Schweiz ist einer der Verhandlungsteilnehmer und vom 28. Juni bis zum 1. Juli 2010 fand sogar ein Treffen in Luzern statt. Eine erste offizielle Version des Abkommens wurde im April 2010 veröffentlicht (das endgültige Abkommen vom Schlusstreffen am 3. Dezember 2010 in Sydney ist ebenfalls öffentlich). ACTA will den Kampf gegen Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen besser durchsetzen und international koordinieren. Mit Hilfe dieses Abkommens versuchten die USA ihre rigiden Copyright-Regelungen international zu verankern (vgl.: Richard Meusers, “USA drängen auf rigide Gesetze gegen Copyright-Piraterie“, Spiegel, 04.11.2009). Jérémie Zimmermann, Sprecher und Co-Founder von La Quadrature du Net wird in seinem Vortrag “Copyright Enforcement Vs. Freedoms” sicherlich auf die Vorschläge der USA zurückkommen, aufzeigen wie weit sie dabei erfolgreich waren und welche Ansätze ACTA bei der Durchsetzung von Urheberrechts-, Copyright- und Patentregelungen verfolgt.

Die Vorratsdatenspeicherung stellt ein weiterer Bereich dar, in dem – wenigstens auf europäischer Ebene – versucht wird eine verschärfte, einheitlich zu handhabende Regelung durchzusetzen. Gegen Ende 2005 zeichneten sich die Eckwerte der Richtlinie 2006/24/EG über die Vorratsspeicherung von Daten ab. Diese Richtlinie ist auch heute noch politisch und rechtlich umstritten, wobei Kritiker in ihr einen schweren Eingriffe in die informationelle Selbstbestimmung und die Privatsphäre der Bürger sehen. Anlässlich dem geringen öffentlichen Widerstand gegen diese Richtlinie zogen Rop Gonggrijp und Frank Rieger am 22C3 in ihrem Vortrag “We lost the war” (Videomitschnitt) die weisse Fahne hoch und erklärten den Kampf gegen staatlicher Überwachung, für das Recht auf Privatsphäre und für starke Bürgerrechte als verloren. Die Reaktionen auf diesen Vortrag waren auch nach dem Kongress noch heftig. Im Vortrag “Data Retention in the EU five years after the Directive” wollen Vertreter der European Digital Rights (EDRi) aufzeigen, wo wir uns heute – fünf Jahre später – bei der Durchsetzung der Vorratsdatenspeicherung befinden. Eher ein Rückblick über die Zensurbestrebungen in Deutschland macht Alvar C. H. Freude in seinem Vortrag “Von Zensursula über Censilia hin zum Kindernet“. Gegen diese Entwicklungen sind wir jedoch nicht hilflos: Nicholas Merrill wehrte sich gegen den USA PATRIOT Act. Als kleiner Internetprovider (Calyx Internet Access – heute als Institut tätig) verklagte er das FBI sowie das US-amerikanische Justizdepartement nach dem Erhalt eines National Security Letters. In seinem Vortrag “The importance of resisting Excessive Government Surveillance” wird er von seinen Erfahrungen im Kampf gegen die Staatsmacht erzählen.

Part Time Scientists Logo 2009Natürlich interessieren mich auch technische Vorträge. Google will mit dem 2007 gestarteten Wettbewerb Google Lunar X Prize die privaten Raumflugaktivitäten fördern. Dasjenige privat finanzierte Team, welches es als erstes schafft einen Roboter auf der Mondoberfläche zu landen, ihn auf der Mondoberfläche über eine Distanz von 500m zu verschieben und von ihm Daten bzw. Bilder zu empfangen, erhält einen Preis von 20 Millionen US-Dollar (alle Preisgelder zusammen ergeben rund 30 Millionen US-Dollar). Eines dieser Teams ist Part-Time Scientists, welche durch Karsten Becker und Robert Boehme vertreten, den Stand ihres Projekts vorstellen möchte (Videomitschnitt der letztjährigen Vorstellung).

Mit sogenannten Data Access Systemen ist es heute möglich auf Schlüsselwörter basierend bis zu 100 Linien mit je 10GBit zu überwachen. Lars Weiler will in seinem Vortrag “Data Analysis in Terabit Ethernet Traffic” den Stand der Technik aufzeigen und erklären, welche Datenanalysen damit durchgeführt werden können. Anschliessend wird Florian Adamsky zeigen, mit welchen Techniken Netzwerkprotokolle in der Anwendungsschicht des OSI-Modells identifiziert werden können. Womöglich ein Gegenmittel zu den Data Access Systemen könnte Daniel J. Bernstein bereithalten. In seinem Vortrag “High-speed high-security cryptography: encrypting and authenticating the whole Internet” wird er (hoffentlich) neue Möglichkeiten zur einfachen, effektiven und schnellen Verschlüsselung jeglicher Kommunikation im Internet aufzeigen. Ich persönlich werde an diesem Kongress die Möglichkeiten des Point-to-Point Tunneling Protocols etwas austesten.

Einige Themen im Bereich Medien, Sprache und Journalismus könnten sich als wahre Leckerbissen entpuppen. Wie jedes Jahr wird auch “Whistleblowing” ein Thema sein. Ging es letztes Jahr mit dem Vortrag “Wikileaks Release 1.0″ (was aber nie das Licht der Welt erblickt hatte; Videomitschnitt vom 26C3) um Wikileaks, wird der Vortrag von Guido Strack und Johannes Ludwig vom Whistleblower-Netzwerk Deutschland das Thema eher allgemein behandeln. Wenn auch nicht explizit im Kongress-Fahrplan aufgeführt, hoffe ich etwas über das Projekt Openleaks des ehemalige Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg in Erfahrung bringen zu können.
Auch Martin Haase wird dieses Jahr zum wiederholten Mal einen Vortrag zum Gebrauch der deutschen Sprache halten. Bereits in den letzten beiden Kongressen überzeugte er mit “Neusprech im Überwachungsstaat” (Videomitschnitt vom 25C3) und “Leyen-Rhetorik” (Videomitschnitt vom 26C3). Der Untertitel seines diesjährigen Vortrags “Die Sprache des politischen Verrats und seiner Rechtfertigung” lässt erahnen, um was es geht.
Annalee Newitz ist überzeugt, dass dem investigativen Journalismus ein Revival bevorstehen wird und dass die Medien in Zukunft an Einfluss noch gewinnen werden. Ein Schlüssel dazu soll der Einsatz neuer Techniken sein. In ihrem Vortrag “Three jobs that journalists will do in 2050” wird sie einen Blick auf diese Techniken und damit auf die Zukunft des Journalismus werfen. Ein Beispiel hierfür wird auch im Vortrag “Adventures in Mapping Afghanistan Elections” praxisorientiert vorgestellt werden. Newitz ist überzeugt, dass zukünftig dem kreativen Umgang mit Daten und Technik eine entscheidende Rolle im journalistischen Gebiet zufallen wird, womit wir unseren Kreis zu den Ausführung in der Einleitung dieses Artikels wieder geschlossen hätten: auch Journalismus kann eine Form von Hacken sein.

This entry was posted in Editorial Announcements, Politics in General.

2 Responses to 27C3 – Tag 0 – Vorbereitungen

  1. John Sinclair says:

    Gut geschriebener Vorbericht. Ich hoffe die Berichterstattung zum 27c3 geht weiter. Der erste Tage scheint vorüber zu sein.

  2. Pingback: 27C3 – Tag 3 – Lightning Talks und Openleaks | Offiziere.ch

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