Der machtpolitische Faktor der Hisbollah

Ein Gastbeitrag von Patrick Truffer (this article is also available in English).

 
Entstehung und panislamische Strategie der Hisbollah

Anschlag auf den US-Stützpunkt in Beirut 1983August Richard Norton zitiert in seinem Buch “Hezbollah a Short History” den früheren israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak: “When we entered Lebanon [...] there was no Hezbollah. We were accepted with perfumed rice and flowers by the Shia in the south. It was our presence there that created Hezbollah.” Ehud Baraks Feststellung, dass die israelische Besetzung des Südlibanons die Entstehung der schiitischen Hisbollah begründete, beleuchtet jedoch nur einen spezifischen Faktor in der Entstehungsgeschichte der Hisbollah. Genauer analysiert basiert die Entstehung der Hisbollah auf drei Faktoren. Erstens, als grundlegende Ursache, das starre innenpolitischen System im Libanon (unterschiedlichen politischen Einfluss in Abhängigkeit religiöser Zugehörigkeit), welches die Schiiten über Jahrzehnte politisch, gesellschaftlich und strukturell benachteiligte. Es führte seit den 1950er Jahren bis 1989 (Taif-Abkommen) zu einem zunehmenden Verlangen der libanesischen Schiiten nach politischem Einfluss (Soziale Mobilisierung). Auch wenn die Hisbollah alle Muslime anzusprechen versuchte, ging es ihr im Kern um die Überwindung einer Identitätskrise der schiitischen Gesellschaft im Libanon. Zweitens eine israelische Politik, welche mit der Vertreibung der Palästinenser eine gesamte Region sicherheitspolitisch destabilisierte. Drittens regionalpolitische Umwälzungen, die in den Jahren 1978 bis 1982 konzentriert auftraten und eine ideologische Basis für die Hisbollah schafften. Auf der einen Seite standen die israelischen Übergriffe auf libanesisches Territorium (Operation Litani usw.) unter denen insbesondere die Schiiten im Süden Libanons zu leiden hatten und auf der anderen Seite die islamische Revolution im Iran als Wegweiser mit welchen Mitteln die Schiiten, die von ihnen empfundene Unterdrückung und ungerechte Behandlung überwinden könnten. Die israelische Invasion 1982 und die darauf folgende israelische Besetzung waren also nur noch die Initialzündungen zur Entstehung der Hisbollah. Ihre Etablierung war jedoch kein Zufallsprodukt, sondern die Hisbollah wurde durch die Iranische Revolutionsgarde nachhaltig unterstützt.

Das Hauptziel der Hisbollah bestand in der Überwindung der Benachteiligung und Unterdrückung der Schiiten. Mit der panislamischen Strategie drängte sie den Einfluss fremder Staaten innerhalb des Libanons zurück und strebte die Initiierung einer islamischen Revolution im Libanon an. Mittels Terror veranlasste sie die US-amerikanischen, französischen, italienischen und britischen Truppen im Rahmen der multinationalen Streitkräfte zum Abzug und verdrängte die israelischen Truppen aus Beirut heraus in den Südlibanon. Mit Geiselnahmen westlicher Staatsbürger konnte die Hisbollah die Freilassung von Gefangenen erzwingen. Der Iran seinerseits setzte mithilfe der Geiseln politische, militärische und finanzielle Forderungen an westliche Staaten durch. Die US-amerikanischen Waffenlieferungen an den Iran zur Befreiung von Geiseln (Iran-Contra-Affäre) und die Möglichkeit des Irans sich mithilfe der Hisbollah in den israelisch-arabischen Konflikt einzumischen, ohne dazu geostrategische Berührungspunkte mit Israel aufweisen zu müssen, zeigen den hohen machtpolitischen Faktor der Hisbollah im Nahen Osten kurz nach ihrer Entstehung auf. Trotzdem muss die panislamische Strategie der Hisbollah bis zur Ende der 1980er Jahre als gescheitert betrachtet werden, da die israelischen Streitkräfte nach wie vor den Südlibanon besetzten und die Hisbollah keine islamischen Revolution im Libanon initiieren konnte.

 
Guerillastrategie der Hisbollah

The Israel Army bombing South Lebanon (April 1996)Nach dem Tod Ayatollah Chomeinis folgte der moderatere Ali Akbar Hashemi-Rafsanjani als Nachfolger. Nach acht Jahren Krieg mit dem Irak legte Rafsanjani die Prioritäten auf den ökonomischen Wiederaufbau Irans und kürzte der Hisbollah vorübergehend die finanzielle Unterstützung. Damit nahm die Bedeutung der Hisbollah als aussenpolitisches Instrument des Irans ab. Gleichzeitig baute Syrien, als iranischer Partner, seinen Einfluss über die Hisbollah aus. Die säkulare Regierung Syriens unter Hafiz al-Assad führte vordergründig zum Ende der Islamisierungsbestrebungen der Hisbollah. Mit Interventionen und der Unterstützung der Amal als Konkurrenz zur Hisbollah unterband Syrien eine Weiterführung der panislamische Strategie und deren Umsetzung mittels Terror. Syrien nutzte die Hisbollah als machtpolitisches Instrument zur Druckausübung auf Israel, um den von Israel besetzten Golan im israelisch-syrischen Friedensprozess von 1989 bis 2000 unter möglichst günstigen Bedingungen zurückzuerhalten. Unter diesen Vorgaben wechselte die Hisbollah zur Guerillastrategie, die durch das Ende des libanesischen Bürgerkriegs, der Rückkehr der Bevölkerung in den Südlibanon und dem zivilen Wiederaufbau begünstigt wurde. Der grosse Anteil an Teilzeitkämpfern, die zum Einkommenserwerb einer zivilen Beschäftigung nachgingen, verwischte eine Trennung zwischen Hisbollah-Milizionäre und Zivilbevölkerung. Damit kämpften die israelischen Streitkräfte im Südlibanon faktisch gegen die libanesische Bevölkerung. Offensive Operationen gegen die Hisbollah führten zwangsläufig zur Zerstörung ziviler Infrastrukturen und zu zivilen Opfern, was den Rückhalt der Hisbollah in der libanesischen Bevölkerung zusätzlich vergrösserte.

Mit dem Ende der panislamischen Strategie beteiligte sich die Hisbollah ausserdem als politische Partei an den libanesischen Parlamentswahlen. Dies begründete einen janusköpfigen Charakter der Hisbollah: Einerseits ist die Hisbollah eine fundamentalistische, militante Widerstands- oder Terrororganisation, andererseits eine konsensfähige politische Partei. Da beide Teilbereiche der Hisbollah die Vertreibung der israelischen Streitkräfte aus dem Südlibanon als gemeinsames Ziel verfolgten, hatte die innenpolitische Beteiligung keine Abnahme der Bedeutung des bewaffneten Kampfes zur Folge. Die beiden Gesichter der Hisbollah traten erst mit dem syrischen Truppenabzug 2005 und den innenpolitischen Diskussionen über eine Entwaffnung verstärkt hervor.

Die Guerillastrategie der Hisbollah führte schliesslich zum israelischen Truppenabzug im Jahre 2000. Die zunehmenden Verluste bei den israelischen Streitkräften war zwar der bedeutendste, jedoch nicht der alleinige Grund für den Abzug. Als israelischer Verbündeter im Südlibanon hatte die South Lebanon Army (SLA) die Hauptlast des Kampfes zu tragen. Mit der Zunahme der von der Hisbollah ausgeführten Operationen zerfiel die SLA mehr und mehr. Der israelische Truppenabzug war auch von Ehud Baraks Hoffnung getragen, dass die Hisbollah danach ihre bewaffneten Operationen gegen Israel einstellen und sich ausschliesslich auf politische Aktivitäten innerhalb des Libanons konzentrieren würde. Mit dem israelischen Abzug wurde ausserdem die Forderungen der Resolution 425 des UN-Sicherheitsrates erfüllt. Trotzdem, die Hisbollah war die treibende Kraft hinter dem israelischen Truppenabzug im Jahre 2000 und dementsprechend gross ihre machtpolitische Bedeutung im Nahen Osten in dieser zweiten Phase zwischen 1989 bis 2000.

 
Palästinianisierung und defensives Machtinstrument

Hisbollahs KindersoldatenAbgesehen vom politischen Erfolg der Hisbollah an den Parlamentswahlen im Jahre 2000 stellte der israelische Abzug ein Dilemma dar. Die Hisbollah-Führer konnten keinen direkten Kampf gegen Israel ausserhalb des libanesischen Territoriums weiterführen, da dies ihre Legitimität als Widerstandsorganisation innerhalb Libanons untergraben und sie stärker in das Fadenkreuz des US-amerikanischen Kriegs gegen den Terrorismus gerückt hätte. Eine ausschliessliche Konzentration auf ihre innenpolitischen Aktivitäten hätte nicht nur eine Entwaffnung und damit einen kompletten Machtverlust der Hisbollah zur Folge gehabt, sondern ihrer Glaubwürdigkeit bei den jungen, religiös indoktrinierten Kämpfern geschadet. Als Kompromiss beschränkte sie sich auf einige kleinere Operationen in den israelisch besetzten, nach ihrer Ansicht dem Libanon zugehörigen, Schebaa-Farmen und auf die Unterstützung der palästinensischen Widerstandsorganisationen.

Diese indirekte Strategie sowie die innenpolitische Tätigkeit als soziale Institution und als politische Partei verhinderten eine direkte Konfrontation mit den USA. Indirekt versuchten die USA mittels Druck auf Syrien und den Iran Waffenlieferungen an die Hisbollah zu unterbinden. Die offensive Nahostpolitik der Bush-Administration, die mit der Invasion in den Irak ihren Höhepunkt erreicht hatte, zeigte jedoch einen gegenteiligen Effekt. Das zunehmende syrische und iranische Bedrohungsempfinden führte zu einer quantitativen und qualitativen Zunahme der Waffenlieferungen an die Hisbollah und somit zu einer machtpolitischen Absicherung beider Staaten. Mit Langstreckenraketen ausgerüstet könnte die Hisbollah auf Verlangen Syriens und des Irans mit einem Angriff auf israelische Industriezentren den Nahen Osten in ein Chaos stürzen. Damit besass die Hisbollah mindestens bis zum Libanonkrieg 2006 einen entscheidenden machtpolitischen Faktor im Nahen Osten, der sogar von den USA berücksichtigt werden musste.

 
Widerstand gegen die Entwaffnung

Nach dem syrischen Truppenabzug Ende April 2005 füllte die Hisbollah das bestehende Machtvakuum im Libanon aus und besass zudem eine höhere operative Unabhängigkeit von Syrien. In Hinblick auf ihre Ziele und Strategien änderte sich wenig. Die Hisbollah kompensierte den verringerten Schutz vor dem US-amerikanischen Krieg gegen den Terrorismus durch den syrischen Abzug mit einer grösseren Einbindung in die libanesische Regierung mit der Übernahme zweier Ministerien. Damit begann sie den libanesischen Staat für ihren Kampf gegen Israel zu instrumentalisieren. Einschlag einer Katyusha-Rakete auf israelisches GebietIm Jahre 2006 löste die Verschleppung zweier israelischer Soldaten den Libanonkrieg aus, bei dem die israelischen Streitkräfte die Hisbollah zerschlagen wollten. Öffentlich begründete Hassan Nasrallah die Operation mit dem Willen, die gefangenen israelischen Soldaten durch gefangene Hisbollah-Kämpfer in Israel austauschen zu wollen. Er gab zu, die israelische Reaktion unterschätzt zu haben. Neben diesem offensichtlichen Grund waren noch drei weitere verdeckte Ursachen ausschlaggebend. Erstens betrachtete sich die Hisbollah zunehmend als “Speerspitze der islamischen Glaubensgemeinschaft” (teilweise Wiederaufnahme der panislamischen Strategie durch verringerten syrischen Einfluss) und versuchte dadurch seinem militanten Arm eine neue Daseinsberechtigung zu verschaffen. Zweitens bemühte sich die Hisbollah innenpolitisch einer Entwaffnung zu entgehen, indem sie die Notwendigkeit des Widerstands gegen Israel aufzeigte. Drittens war das offensive Vorgehen der Hisbollah eine Auswirkung der verringerten operativen Kontrolle Syriens. Auch wenn die Hisbollah den Krieg angezettelt hatte, führte Israels unverhältnismässiger Einsatz militärischer Mittel, aber auch Nasrallahs Führungsfähigkeit und der von der Hisbollah nach dem Krieg nachhaltig unterstützte Wiederaufbau zu einem kurzfristigen Popularitätsschub der Hisbollah über alle religiösen Gruppen hinweg.

Trotzdem, Ende 2006 brachen Diskussionen über die Verantwortung der Hisbollah am Krieg aus, und es zeichneten sich auf politischer Ebene Bestrebungen zu ihrer Entwaffnung ab. Damit konfrontiert, versuchte die Hisbollah die libanesische Regierung zum Rücktritt zu zwingen und riskierte dabei einen erneuten Ausbruch des Bürgerkriegs.

 
Fazit

Im offenen Brief an die “Unterdrückten im Libanon und in der Welt” von 1985 teilten die Hisbollah-Führer ihre Weltanschauung und die von ihnen angestrebten Ziele unmissverständlich mit. Trotz einigen strategischen Anpassungen, ihrer innenpolitischen Beteiligung und den moderat formulierten Wahlprogrammen blieben die angestrebten Ziele – Überwindung der Benachteiligung und Unterdrückung der Schiiten, Durchsetzung einer panislamischen Strategie und existenzieller Kampf gegen Israel – in den Köpfen der Hisbollah-Führer bis in die Gegenwart unverändert. Auch ein israelischer Abzug aus den besetzten Shebaa-Farmen würde daran nichts ändern. Der “Libanonkrieg 2006″ und die Instrumentalisierung der libanesischen Regierung im Kampf gegen Israel zeigen auf, dass die Hisbollah unter keinen Umständen bereit ist, auf ihre Bewaffnung zu verzichten. Im Gegenteil haben die Waffenlieferungen nach dem Libanonkrieg und der Ausbau ihrer Stellungen innerhalb Libanons zur Absicherung (vermutlich sogar zur Steigerung) ihres machtpolitischen Einflusses im Nahen Osten beigetragen. Betrachtet man die Entwicklungen der letzten 12 Monate so ist der Ausbruch eines neuen Kriegs mit Israel nur eine Frage der Zeit.

 
Hinweis

Es handelt sich beim obigen Text um eine Zusammenfassung einer 50-seitigen Arbeit, die hier heruntergeladen werden kann.

 
Bildverzeichnis

Oben links: Ein US-Marine, der den Bombenanschlag auf die Unterkunftsbaracken der US-Marines in Beirut am 23.10.1983 überlebte. 241 US-Marines wurden bei diesem Anschlag getötet. Es handelte sich um die stärkste konventionelle Explosion nach dem Zweiten Weltkrieg (und der Vernichtung von Munitionsresten aus dem Zweiten Weltkrieg auf Helgoland). Beim zweiten Anschlag auf die französische Truppenunterkunft 20 Sekunden später kamen 80 französische Fallschirmjäger ums Leben.
Mitte rechts: The Israel Army bombing South Lebanon, April 1996 (Photo: Ziv Koren/Corbis).
Mitte links: Bereits Kinder im Vorschulalter werden von der Hisbollah vereinnahmt. Auf den Bildern tragen sie zwar nur Waffenattrappen, doch wird ihnen bereits von klein auf den Hass gegen Israel eingepflanzt. Eine Entwaffnung der Hisbollah würde ihre Attraktivität für jungen, religiös indoktrinierten Kämpfer verringern. Ein Grund, weshalb die Hisbollah einer Entwaffnung hartnäckig widersetzt (Photo: Coskun Aral).
Unten rechts: Der Raketenbeschuss der Hisbollah auf israelische Infrastruktur ist nicht zu unterschätzen. Abgesehen von der Zerstörungswirkung durch den Einschlag und der Splitter, führt die psychologische Wirkung zu einer Lähmung des öffentlichen Lebens.

 
Weitere Informationen

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11 Responses to Der machtpolitische Faktor der Hisbollah

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  4. Scholl says:

    Mein Freund, ich habe den ganzen Süden Libanons bereist sowie Israels Nordseite. Ich kenne die Kultur wie auch dei Chronic beider Staaten wie meine eigene Westentasche. Von dem was du da schreibst entsprechen ca. 60% der Wahrheit, was mir zeigt, dass du deine Quellen deutscher standart medien entnommen hast.
    Wenn du dich wirklich für fakten interessierst, dann meld dich!

  5. Patrick Truffer says:

    Wer mit Floskeln wie “mein Freund” (der ich nicht bin) argumentieren muss, meint die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, aber auf der anderen Seite keine spezifische Kritik / Korrektur in seinem Kommentar abgeben kann, macht seine Aussagen nicht sehr glaubwürdig. Bei obigen Artikel muss berücksichtigt werden, dass es sich um eine sehr verdichtete Zusammenfassung einer 50-seitigen Arbeit handelt – dass dabei gewisse Details weggefallen sind, ist selbstverständlich. Die Kritik, dass ich mich bei den Quellen auf “deutsche Standardmedien” beruht hätte, ist jedoch unhaltbar. Hier ist die Liste der Quellen des 50-seitigen Artikels.

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