Härtetest für den Leopard 2 Panzer

von Patrick Truffer. Patrick Truffer absolviert momentan ein Masterstudiengang in Internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin.

Ende August 2016 startete die Türkei die Operation “Schutzschild Euphrat” mit dem Ziel südlich der türkischen Grenze eine Sicherheitszone zu schaffen. Zusätzlich zum Schutz vor Kämpfern der Terrororganisation “Islamischer Staat” (IS) soll damit auch die Ausbreitung der kurdischen People’s Protection Units (YPG), welche Teil der Syrian Democratic Forces (SDF) sind, westlich des Euphrats und damit langfristig ein zusammenhängendes, den ganzen nördlichen Teil Syriens umfassendes Kurdengebiet verhindert werden (Agence France-Presse, “Turkish Tanks Enter Syria to Open New Front against Islamic State“, The Telegraph, 03.09.2016). Beim Start der Operation wurde die Freie Syrische Armee (FSA) beim Vorstoss von den türkischen Streitkräften mit Luftschlägen, Artilleriefeuer und M60 Patton Kampfpanzer unterstützt. Mit zunehmenden Operationsverlauf nahm die Beteiligung der türkischen Streitkräfte zu. Seit anfangs Dezember werden in der Region der syrischen Stadt al-Bab rund 45 Leopard 2 Kampfpanzer eingesetzt. Dabei wurden möglicherweise 10 Stück von den IS-Kämpfern zerstört oder zumindest kampfuntauglich gemacht (“Leopard 2 in Syria“, Below The Turret Ring, 15. Dezember 2016). Damit wird rund um den Leopard 2 ein Unverwundbarkeitsmythos beerdigt, denn weder im Einsatz im Kosovo noch in Afghanistan kam es zu Verlusten (“Er galt als unzerstörbar: In Syrien wird ein Panzer-Mythos zerstört“, FOCUS Online, 12 January 2017). Die Frage stellt sich nun, ob der Leopard 2 in die Jahre gekommen ist und seine Schutzmassnahmen nicht mehr ausreichen? Was bedeutet dies für die in der Schweizer Armee im Einsatz stehenden Leopard 2?

Opfer einer grossen Explosion: Zwei zerstörte türkische Leopard 2 im Raum al-Bab. Die Sprengung erfolgte jedoch erst im Nachhinein, womöglich sogar durch die türkische Luftwaffe.

Opfer einer grossen Explosion: Zwei zerstörte türkische Leopard 2 im Raum al-Bab. Die Sprengung erfolgte jedoch erst im Nachhinein, womöglich sogar durch die türkische Luftwaffe. (Quelle: “Leopard 2 in Syria – part 2“, Below The Turret Ring, 21.01.2017).

 
Die Schlacht um al-Bab
Die Operation “Schutzschild Euphrat” kann in vier Phasen unterteilt werden. In der ersten Phase ging es um die Einnahme und Befreiung der syrischen Grenzstadt Jarabulus. Dabei zogen sich die IS-Kämpfer weitgehend kampffrei nach al-Bab zurück (“Syria: Turkish-Backed Rebels ‘Seize’ Jarablus from ISIL“, Al Jazeera, 24.08.2016). In einer zweiten Phase nahmen im September 2016 FSA-Kämpfer zirka 55 km weiter westlich Jarabulus die syrische Grenzstadt al-Rai ein. Bereits im April und Juni versuchte die FSA al-Rai einzunehmen, scheiterten jedoch am Widerstand der IS-Kämpfer. Ende September startete die dritte Phase: Die Einnahme der symbolträchtige, aber strategisch unbedeutende syrische Kleinstadt Dabiq. Auch hier zogen sich die IS-Kämpfer ohne grossen Widerstand nach al-Bab zurück (“Syria Conflict: IS ‘Ousted from Symbolic Town of Dabiq’“, BBC News, 16.10.2016). Schliesslich Mitte Oktober startete die vierte Phase: Die Offensive zur Eroberung von al-Bab. Im Unterschied zu den vorhergehenden Phasen nahm, der Widerstand der IS-Kämpfer deutlich zu. Nachdem Vorstösse der FSA aus nördlicher Richtung gegen Ende November abgeblockt wurden, kreisten diese al-Bab zunehmend von Westen her ein, was die Offensive jedoch spürbar abbremste.
Bis in den Dezember hinein forderte die Operation “Schutzschild Euphrat” je nach Quelle 9-11 türkische Panzer, wobei keine Leopard betroffen waren, das Leben von 18 türkische Soldaten und von rund 300 FSA-Kämpfern. Die Verluste stammen hauptsächlich von Kämpfen mit kurdischen Rebellen. Im Gegensatz dazu vermieden IS-Kämpfer in der Regel eine direkte Konfrontation mit den türkischen Streitkräften bzw. den FSA-Kämpfern und zogen sich nach al-Bab zurück. Al-Bab ist eine regionale Hochburg des IS und strategisch wichtig um ein weiteres Vorrücken der türkischen Streitkräfte bzw. der FSA nach al-Raqqa zu verhindern. Vermutlich veranlasste der zunehmende Widerstand des IS in al-Bab die türkischen Streitkräfte anfangs Dezember dazu, das 1. Bataillon der 2. Gepanzerten Brigade mit ihren 45 Leopard 2 in al-Bab einzusetzen (“Leopard 2 in Syria“).

Dass nun mit erheblich mehr Widerstand zu rechnen ist, zeigte sich beispielhaft am 21. Dezember 2016 – der bis jetzt blutigste Tag für die türkischen Streitkräfte welche an der Operation “Schutzschild Euphrat” beteiligt sind. An diesem Tag wurden durch drei Selbstmordattentate in al-Bab 16 türkische Soldaten getötet (Selcan Hacaoglu und Firat Kozok, “Jihadists Kill 16 Troops in Turkey’s Deadliest Day in Syria“, Bloomberg.com, 21. Dezember 2016). Aufgrund von Bildaufnahmen ist es wahrscheinlich, dass dabei zwei türkische Leopard 2 von IS-Kämpfern in Besitz genommen werden konnte (Leith Fadel, “Turkish Army Offensive Takes Disastrous Turn in East Aleppo as Slain Soldiers Litter Battlefield“, AMN – Al-Masdar News, 22. Dezember 2016). Doch das ist bloss die Spitze des Eisberges: Geleakte Dokumente zeigen auf, dass das in al-Bab eingesetzte Bataillon möglicherweise bis Ende Dezember zehn seiner Leopard 2 verloren hat, was einem Kampfkraftverlust von rund 20% entspricht. Als Panzerabwehrlenkwaffe werden von kurdischen Widerstandskämpfer primär US-amerikanische TOW-2A, von IS-Kämpfern russische 9K111 Fagot (AT-4 Spigot) oder 9K135 Kornet (AT-14 Spriggan) eingesetzt (Jeff Jager, “Turkey’s Operation Euphrates Shield: An Exemplar of Joint Combined Arms Maneuver“, Small Wars Journal, 17.10.2016; “Tank Fiasco Turkey: Posted a New Photo to lost ‘Leopards’“, Latest World News, 25.12.2016).

Mögliche Verluste in al-Bab (die ursprüngliche Quelle des Dokuments ist nicht bekannt; nähere Informationen: Shoreshger, "TAF Armor Loses in Al-Bab in Recent Clashes", Reddit - Syrian Civil War, December 2016).

Mögliche Verluste in al-Bab (die ursprüngliche Quelle des Dokuments ist nicht bekannt; nähere Informationen: Shoreshger, “TAF Armor Loses in Al-Bab in Recent Clashes“, Reddit – Syrian Civil War, December 2016).

 
Der Leopard 2A4 ist als Einzelkämpfer für den Kampf in überbautem Gelände ungeeignet
Der Leopard 2 besitzt zu Unrecht einen Unverwundbarkeitsmythos. Das grundlegende Design des Panzers stammt aus den 1970er-Jahren. Ausgerichtet auf die Bedürfnisse des Kalten Kriegs wurde dieser für eine Panzerschlacht konzipiert, bei welcher der Gegner aus der Bewegung direkt angegriffen wird. Um Gewicht zu sparen und die Mobilität zu erhöhen wurde die Panzerung an Seite und Heck weniger stark ausgelegt als an Wannen- und Turmfront.

Die türkischen Streitkräfte haben mit dem von ihnen eingesetzte Variante 2A4 genau diese Schwachstellen, welche – basierend auf den Bildern einiger zerstörten türkischen Leopard – ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Verhängnis wurden. Zwar könnte der 2A4 mit zusätzlicher Panzerung oder gar Aktivpanzerung ausgerüstet werden, doch dies würde den 60-Tonnen-Panzer noch schwerer machen. Die Aktivpanzerung wäre ausserdem ein nicht vertretbares Risiko für die um die Panzer eingesetzten Soldaten. Da im überbauten Gelände der Gegner nicht nur frontal, sondern aus Gebäuden heraus theoretisch von allen Seiten und von oben zuschlagen kann, ist der Leopard 2A4 in seiner Grundkonfiguration als Einzelkämpfer in überbautem Gelände nicht geeignet. Die Schwäche in der Panzerung wird erst mit dem Leopard 2A7+ behoben, welcher für den Kampf in überbautem Gelände konzipiert wurde und eine allumfassende Verbundpanzerung aufweisen soll (“Er galt als unzerstörbar“).

Zusätzlich zu den Schwächen in der Panzerung kommt hinzu, dass die türkischen Panzerformationen taktisch schlecht trainiert sind. Die Panzer werden viel zu statisch und wenig geschützt in einer sogenannten “hull-down position” bei dem der Turm aber nicht die Wanne sichtbar ist, eingesetzt, was sie für Panzerabwehrlenkwaffen zu einem leichten Ziel machen. In einem Fall wurde ein Panzer getroffen, doch die Crew des zweiten Panzers reagierte darauf nicht. Als Mittel der Feuerunterstützung sollte ein Panzer von einem gesicherten Umfeld aus eingesetzt werden. Ist dies nicht möglich, muss er im Verband mit Begleitschutz in den Flanken vorstossen – der Panzer ist primär kein Einzelkämpfer. Eine solche Einsatzdoktrin konnte bei den türkischen Streitkräften weder beim M60 noch beim Leopard 2 während der Operation “Schutzschild Euphrat” beobachtet werden (“Leopard 2 in Syria“).

Quelle:

Quelle: “Leopard 2 in Syria – part 2“, Below The Turret Ring, 21.01.2017

 
Konsequenzen für die Schweizer Armee
Im aktiven Bestand der Schweizer Armee befinden sich momentan 134 Panzer 87 Leopard WE. Abgesehen von einigen die Panzerung nicht betreffenden Modifikationen handelt sich dabei um kampfwertgesteigerte Leopard 2A4. Die Kampfwertsteigerung wurde im Rüstungsprogramm 2006 beantragt und kostete 395 Millionen Schweizer Franken. Sie zielte “auf eine Verbesserung der Führungsfähigkeit der Panzerverbände und -formationen sowie auf den Erhalt einer hohen Systemverfügbarkeit ab. Sämtliche Schutzkomponenten und die autarke Waffen- und Beobachtungsstation [wurden] nicht in die Werterhaltung einbezogen.” (Schweizerischer Bundesrat, “Rüstungsprogramm 2006“, 24.05.2006). Das heisst, dass die Panzer 87 Leopard WE der Schweizer Armee die gleichen Schwachstellen der Panzerung an Seite und Heck aufweisen und somit im Alleingang ohne zusätzlichen Anpassungen nicht für den Kampf im überbauten Gelände geeignet sind. Neben Krauss-Maffei Wegmann, Rheinmetall/IBD Deisenroth bietet jedoch auch die RUAG eine aufrüstbare Zusatzpanzerung für den Leopard 2A4 an.

Fazit
Auch heute ist der Leopard 2 ein tauglicher Panzer, wenn er für den Zweck eingesetzt wird, für den er ursprünglich konzipiert wurde: eine Schlacht Panzer gegen Panzer. Die in der Türkei verwendete Variante des Leopard 2 ist jedoch nicht für den eigenständigen stationären Kampf in überbautem Gelände geeignet. Falsche Doktrin, schlecht ausgebildete Besatzung und die Schwäche in der Panzerung an der Seite und am Heck machen den Leopard 2 ein lohnendes Ziel für Panzerabwehrlenkwaffen, über welche sowohl die kurdischen Rebellen wie auch die IS-Kämpfer verfügen. Will die Schweizer Armee den Panzer 87 Leopard WE in überbautem Gelände einsetzen, ist sie gut beraten die Lehren aus dem Einsatz des Leopard 2 in der Operation “Schutzschild Euphrat” zu ziehen und die Flotte langfristig mit einer besseren Rundum-Panzerung kampfwertzusteigern.

Weitere Informationen

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9K135 Kornet (AT-14 Spriggan)
Das Lenkwaffensystem 9K135 Kornet wurde Mitte der 1980er-Jahre zum Einsatz gegen Kampfpanzer wie den Leopard 2 und den M1 Abrams konzipiert und sollte die alten Systeme 9K111 Fagot (AT-4 Spigot) und 9K113 Konkurs (AT-5 Spandrel) ablösen. Die Initialversion 9M133-1 von 1994 hatte eine Monoblock-Hohlladung mit einer Referenzleistung von 1’000 mm Panzerstahl, die neuste Version 9M133-2 (Kornet-EM) verfügt über eine Tandemhohlladung mit einer Referenzleistung von 1’200+ mm Panzerstahl.

Es ist praktisch unmöglich, diese Bedrohung alleine mit passiven Schutzsystemen abzuwehren – einzig die Front eines modernen Kampfpanzerturmes verfügt über die nötige Dicke und den entsprechenden Aufbau… Man wird daher auch im Westen nicht umhinkommen, in Zukunft auf Reaktiv- und Aktivschutzsysteme umzustellen, will man den Anschluss nicht komplett verlieren!

— Bühler Stefan, C Think Tank OG Panzer.

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