Boko Haram ist noch lange nicht besiegt

von Peter Dörrie (published in English)

Abubakar Shekau in einem Propagandavideo von Boko Haram.

Abubakar Shekau in einem Propagandavideo von Boko Haram.

Boko Haram hat sich zurückgemeldet: In einer Serie von Angriffen am 22. und 23. Juni griff die islamistische Rebellengruppe mehrere Dörfer im Nordosten Nigerias an. In den Orten Debiro Hawul, Debiro Bi und Gjuba töteten Angreifer und eine Selbstmordattentäterin 40 Menschen. Das Mädchen, das sich in Gjuba in die Luft sprengte und 10 Menschen mit in den Tod riss, war erst 12 Jahre alt.

Der Krieg gegen Boko Haram ist noch lange nicht vorbei. Und er wird sich wohl noch auf unbestimmte Zeit hinziehen, wenn die Gegner der Islamisten ihre Strategie nicht ändern.

Mindestens 25’000 Menschen sind durch die Gewalt zwischen Boko Haram und nigerianischen Sicherheitskräften seit dem Ausbruch des Konflikts im Jahr 2009 ums Leben gekommen. Eine Million wurden zu Flüchtlingen gemacht. Nach Jahren politischen und militärischen Versagens der nigerianischen Regierung konnten die Rebellen bis Ende 2014 große Teile des nordöstlichen Bundesstaates Borno unter ihre Kontrolle bringen — eine Fläche von der Größe Belgiens.

Anfang 2015 änderte sich die Dynamik mit einer Großoffensive des nigerianischen Militärs. Stark erhöhte Rüstungsausgaben führten zu besseren Waffen und besserem Training. Und nachdem die Extremisten auch Ziele in den Nachbarländern Kamerun und Niger attackierten, traten diese Länder zusammen mit der tschadischen Regierung in den Konflikt ein. Das nigerianische Militär eroberte danach mehrere Städte zurück und befreite hunderte Geiseln aus den Händen von Boko Haram. Für einen Moment konnte sich Nigeria Hoffnung auf ein baldiges Ende des Konflikts machen. Vielleicht war der endgültige Sieg gegen Boko Haram doch nur eine Frage der Waffen, des Geldes und der Zeit?

Doch die aktuelle Gegenoffensive hat diese Hoffnungen zerstört. Boko Haram ist zwar geschwächt, doch ganz offensichtlich noch nicht bereit den Kampf aufzugeben. John Campell, ein Analyst des Council of Foreign Relations bezeichnet die Behauptungen zu den Geländegewinnen der nigerianischen und tschadischen Militärs als übertrieben. Die meisten Bevölkerungszentren seien wieder unter der Kontrolle der Regierung, doch Boko Haram habe immer noch großen Einfluss in den ländlichen Gebieten.

A California National Guard Special Forces soldier from Los Alamitos-based Special Operations Detachment–U.S. Northern Command and Company A, 5th Battalion, 19th Special Forces Group (Airborne), poses with Nigerian soldiers on May 31, 2014, during a training mission in Nigeria.

A California National Guard Special Forces soldier from Los Alamitos-based Special Operations Detachment–U.S. Northern Command and Company A, 5th Battalion, 19th Special Forces Group (Airborne), poses with Nigerian soldiers on May 31, 2014, during a training mission in Nigeria.

Während Militärs aus Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun mit hohen Verlusten auf Seiten der Rebellen prahlen gibt es für diese Angaben keine Bestätigung — unabhängigen Beobachtern ist das Konfliktgebiet versperrt. Boko Haram verfügt nachweislich immer noch über die notwendige Kapazität koordinierte militärische Operationen durchführen zu können. Dutzende Kämpfer der Organisation waren in den letzten Wochen an Angriffen in Nigeria und Niger beteiligt.

Dabei setzen die Islamisten immer weniger auf territoriale Kontrolle. Stattdessen konzentriert sich die Gruppe auf Überfälle und Selbstmordattentate, Angriffsarten gegen die militärische Übermacht nur beschränkt etwas ausrichten kann. Ein Selbstmordattentat in der tschadischen Hauptstadt N’Djamena tötete am 15. Juni 2015 27 Menschen und verwundete 101. In Maiduguri, der Hauptstadt von Borno, starben bei ähnlichen Attacken Dutzende.

Inzwischen hat sich Boko Haram außerdem der Terrororganisation “Islamischen Staat” (IS) angeschlossen und lässt sich von diesem in ihrer “Öffentlichkeitsarbeit” und “militärischen Strategie” inspirieren. Statt auf dem Sterbebett zu liegen scheint sich Boko Haram eher gekonnt an die neue Situation anzupassen. Leider hat bisher weder Nigeria noch eine der anderen beteiligten Regierungen auf diese Entwicklung reagiert. Noch immer setzen alle Beteiligten ausschließlich auf eine militärische Lösung. Das ist bedauerlich. Wenn Militärstrategen eine Lehre aus dem Krieg in Afghanistan und dem Aufkommen des IS lernen konnten, dann doch das ein rein militärischer Ansatz in der Aufstandsbekämpfung schon fast zwangsläufig scheitern muss. Außerdem fehlt Nigeria und den anderen Staaten der finanzielle lange Atem, um den aktuellen militärischen Kraftakt durchzuhalten. Insbesondere wenn der Weltmarktpreis für Öl auf längere Sicht niedrig bleibt.

In der Zivilbevölkerung wird das Militär aktuell kaum genug Verbündete im Kampf gegen Boko Haram finden. Laut einem aktuellen Bericht von Amnesty International sind in den vergangenen Jahren 8’000 Menschen im Gewahrsam des nigerianischen Militärs umgebracht worden, verhungert, erstickt oder unter Folter gestorben. Boko Haram ist zwar noch brutaler, doch für Zivilisten gleicht die aktuelle Situation einer Wahl zwischen Pest und Cholera.

Aus militärischer Sicht wirkt sich zudem der Mangel an Koordination zwischen den beteiligten Armeen verheerend aus. Der tschadischer Präsident Idriss Déby diktierte noch vor kurzem der Presse ins Mikrofon, es gebe “null” Kommunikation zwischen tschadischen und nigerianischen Truppen im Kampfgebiet, obwohl die tschadische Armee in nigerianischem Grenzgebiet operiert und Luftschläge fliegt.

Für Tarila Marclint Ebiede, ein Analyst am Center for Research on Peace and Development an der Universität Leuven sind die militärischen Anstrengungen gegen Boko Haram sinnlos, solange nicht auch die politischen und sozialen Ursachen des Konflikts angegangen werden. “Peacebuilding im Kontext mörderischer Konflikte ist komplex und mit Dilemmata durchsetzt,” schreibt er in einem Artikel für World Policy.

Ebiede schlägt ein Programm zur Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration für Kämpfer von Boko Haram vor. Ein solches Programm müsse natürlich die extreme Gewalt, religiöse Indoktrinierung und individuelle Schuld der Kämpfer in Betracht ziehen. Doch diese Herausforderungen seien zum Beispiel auch bei der Aufarbeitung des Genozids in Ruanda schon teilweise gemeistert worden. Militärischer Druck auf Boko Haram würde natürlich ein wichtiger Bestandteil einer solchen Strategie bleiben. Aber er wäre Mittel zum Zweck, anstatt der Zweck selbst.

Weitere Informationen
Der am 29. Mai 2015 frisch vereidigte nigerianische Präsident und ehemalige General Muhammadu Buhari hat am Montag, 13. Juli 2015 die gesamte Führung der nigerianischen Armee sowie den nationalen Sicherheitsberater, Oberst Sambo Dasuki, entlassen. Sowohl der Generalstabschef der Armee als auch die Kommandeure von Armee, Luftwaffe und Marine müssen ihren Posten verlassen. Das bestätigte Buharis Sprecher in der Hauptstadt Abuja. Die Nachfolger sollen in den kommenden Tagen vorgestellt werden und unter anderem die Zusammenarbeit mit den Armeen von Tschad und Niger verstärken. Für mehr Informationen siehe Thomas Scheen, “Nigerias Präsident entlässt gesamte Armeeführung“, Frankfurter Allgemeine, 13.07.2015.

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