Schweizer Zivildienst – explained!

Zivildienstleistende bauen am 29. Oktober 2009 in einem Einsatz bei Pro Natura Aargau eine Trockensteinmauer.

Zivildienstleistende bauen am 29. Oktober 2009 in einem Einsatz bei Pro Natura Aargau eine Trockensteinmauer.

Im April 2009 wurde der sogenannte “Tatbeweis” beim Zivildienst eingeführt. Dieser “Tatbeweis” ist eine verharmlosende Umschreibung, dass nun jeder Militärdienstpflichtiger mit einem Gesuch Zivildienst leisten kann, wenn er bereit ist, die 1,5-fache Länge des Militärdienstes (grundsätzlich 260 Tage) im Zivildienst (390 Tage) abzuarbeiten. Damit entfällt heute die “Gewissensprüfung” als wesentliche Hürde zur Bewilligung eines Zivildienstgesuches und faktisch die in der Bundesverfassung Art. 59 festgehaltene primäre Verpflichtung für Schweizer Militärdienst zu leisten. Zwar sieht auch die Bundesverfassung einen Ersatzdienst vor, im Geiste des Gesetzgebers ist dieser jedoch sekundär. Bei den Beratungen über die neue Bundesverfassung am 28. April 1998 sprach sich die Mehrheit des Nationalrates gegen eine Gleichstellung des Militärdienstes und des zivilen Ersatzdienst auf Verfassungsebene aus (vgl.: Nationalrat, Amtliches Bulletin der Bundesversammlung, Reform der Bundesverfassung, Separatdruck, 1998, S. 276-278). Fakt ist jedoch, dass von den 2’956 Zulassungsgesuchen im ersten Halbjahr 2009 nur lediglich 6 Gesuche abgelehnt wurden (für das gesamte 2009 wurden 2500 Gesuche erwartet). Auch wenn das Bundesgesetz über den zivilen Ersatzdienst explizit festhält, dass dieser Weg der Erfüllung seiner Dienstpflicht nur für diejenigen militärdienspflichtigen Personen vorgesehen ist, welche den Militärdienst mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können, wird diese “Gewissenskomponente” in der Realität nicht mehr überprüft.

Einem Missbrauch des zivilen Ersatzdienstes hätte man etwas entgegenwirken können, wenn ein Gesuch zwingend bei der Rekrutierung eingereicht hätte werden müssen. Die Psychologen bei den Rekrutierungszentren, bei denen sowieso jeder Dienstpflichtige vorbeigehen muss, hätte eine grobe Abklärung der tatsächlichen Motive durchführen können. Ausserdem ist die Tatsache, dass ein Zivildienstgesuch (nach dem man an der Rekrutierung für militärdiensttauglich befunden worden ist) jederzeit, also vor, während und nach der Rekrutenschule gestellt werden kann (Bundesgesetz über den zivilen Ersatzdienst, Art. 16), für die Armee aus zwei Gründen belastend: erstens sind die Rekrutenschulen mit unplanmässigen Entlassungen konfrontiert, welche durch die Abrüstung und den administrativen Aufwand eine zusätzliche Belastung für Miliz- und Berufspersonal verursachen; zweitens wird Rekrutierungszentrum Windisch. (Bild: Marc Latzel)der Kadernachschub (insbesondere bei den Gruppenführer) gefährdet. Vor der Armee XXI waren die hohen Abgangszahlen wegen psychischen und physischen Problemen an den Rekrutenschulen ein aufwändiges Ärgernis, welches durch eine verbesserte Rekrutierung stark reduziert werden konnte. Mit dem vereinfachten Zugang zum Zivildienst wird diese Verbesserung für die Rekrutenschule wieder neutralisiert. Da die Schweizer Armee als Wehrpflichtsarmee konzipiert ist, bei der die Armeeangehörigen nicht zwangsläufig freiwillig ihren Dienst leisten, ist der Kadernachwuchs (insbesondere bei den Gruppenführern) eine gefährliche Achillesferse. Zwar bietet die Armee für potentielle Kader eine Führungsausbildung, die auch im Zivilen seine Gültigkeit hat, doch hauen diese Modulzertifikate, welche bloss 5 Jahre Gültigkeit behalten, sollte man nicht im Zivilen weitere zwei Module und Schlussendlich die Prüfung für das SVF-Zertifikat Leadership I absolvieren, weder Arbeitnehmer in technischen Berufen, noch Studenten aus den Socken. Fakt ist, dass der Mehrwert einer militärischen Weiterausbildung einem 18-22 Jahre alten Jugendlichen nur schwer zu vermitteln ist. Zusätzlich ist zu bemerken, dass Interessenten für die militärische Weiterausbildung diese meist aus finanziellen Gründen in Betracht ziehen und dann gleichzeitig selten das notwendige Potential aufweisen. Wenn ein Interessierter keinen Lehrabschluss und keine Maturität aufweist, dann ist er oft nicht geeignet für eine Kaderposition in der Armee. Ganz anders sieht es bei denjenigen aus, welche das notwendige Potential aufweisen: wegen beruflicher Weiterausbildung und Studium sind sie meistens nicht bereit freiwillig zusätzliche Diensttage an die Rekrutenschule anzuhängen. Weil dieser Mangel an freiwilligem Kadernachwuchs die Armee langfristig gefährden kann, gibt Artikel 15 des Bundesgesetzes über die Armee und die Militärverwaltung der Armee die Möglichkeit, jeden Angehörige der Armee zu einem bestimmten Grad, einem Kommando oder einer Funktion zu zwingen. Diese Verpflichtung zum Grad und zur Funktion wird nun jedoch durch die vereinfachte Zivildienstzulassung ausgehöhlt, da sich jemand durch entsprechendem Gesuch und Umteilung in den Zivildienst diesem Zwang entziehen kann. Hier greift im übrigen der “Tatbeweis” ins Leere, den die Dienstleistungspflicht eines Gruppenführers beträgt 400 Tage und er muss beim Zivildienst weniger als das 1,5-fache der restlichen Dienstleistungspflicht verweilen.

Heiner Studer (EVP)Den Stein ins Rollen gebracht hatte der Nationalrat Studer Heiner (EVP; siehe Bild links) mit einer Motion vom 14.12.2004, die den Bundesrat zu einer Teilrevision des Zivildienstgesetzes auffordert, welche als “Ersatz des geltenden kostspieligen Zulassungsverfahrens [(“Gewissensprüfung”)] durch die Bestimmung, wonach Militärdienstpflichtige, die den Militärdienst mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können und zum Beweis dessen bereit sind, einen länger als den Militärdienst dauernden Zivildienst zu leisten (Tatbeweis), dies tun können.” Am 23.03.2005 hat der Bundesrat die Ablehnung dieser Motion beantragt, sich damit jedoch weder im National- noch im Ständerat durchsetzen können. Seit dem April diesen Jahres ist das vereinfachte Zulassungsverfahren in Kraft. Auch wenn ich persönlich kein Fan dieses vereinfachten Zulassungsverfahrens bin, hat sich die Armee dem politischen Willen zu beugen und die verantwortlichen Kader bei Fragen ihrer Unterstellten zum Zivildienst wahrheitsgemäss zu antworten. Ich werde sicherlich niemandem ein Formular zur Einreichung eines Zivildienstgesuches in die Hände drücken, aber genauso wenig jemand an der Einreichung hindern. Im folgenden Abschnitt will ich die wichtigsten Grundlagen zum Zivildienst zusammenfassen.

Ein Militärdienstpflichtiger (also wenn die betreffende Person an der Rekrutierung für militärdiensttauglich befunden worden ist) kann jederzeit bei der Vollzugsstelle für Zivildienst elektronisch das Zulassungsverfahren (E-ZIVI) gestartet werden. Wird das elektronische Gesuch spätestens drei Monate vor der nächsten Militärdienstleistung eingereicht, ist die betreffende Person nicht einrückungspflichtig, solange über ihr Gesuch nicht rechtskräftig entschieden wurde. Wird das elektronische Gesuch später als drei Monate vor der nächsten Militärdienstleistung eingereicht, bleibt die Einrückungspflicht für die bevorstehende Militärdienstleistung bestehen (Bundesgesetz über den zivilen Ersatzdienst, Art. 17). Seit dem 1. Juli 2016 muss der Gesuchssteller innerhalb von drei Monaten, nachdem sie das Gesuch eingereicht hat, an einem Einführungstag teilnehmen. Während eines militärischen Wiederholungskurs muss dazu keinen Urlaub gewährt werden. Nach dem Einführungstag muss der Gesuchssteller ihr Gesuch innerhalb von zwei Wochen elektronisch oder in Papierform bestätigen. Wird der Einführungstag nicht oder nicht vollständig besucht oder erfolgt danach keine Bestätigung des Gesuches, so findet keine Zulassung statt (vgl. Verordnung über den zivilen Ersatzdienst, Art. 26ff). Nach der Eröffnung des endgültigen Entscheids der Vollzugsstelle, kann das Zivildienstgesuch nicht mehr zurückgezogen werden.

Es ist möglich, dass während einer militärischen Dienstleistung vor dem Einführungstag noch weitere Gespräche mit dem Gesuchssteller erfolgt — beispielsweise zum Eruieren möglicher alternativen Lösungen (beispielsweise Umteilung in eine andere Funktion, waffenloser Dienst usw.). Da diese “informellen” Gespräche innerhalb der Armee jedoch weder im Bundesgesetz über den zivilen Ersatzdienst noch in der Verordnung über den zivilen Ersatzdienst aufgeführt sind, haben sie grundsätzlich keinen Einfluss auf das Zulassungsverfahren.

Die erste Zivildienstleistung muss im Jahr nach der Zulassung geleistet werden. Bei Zivildienstpflichtigen mit abgeschlossener Rekrutenschule beträgt der Ersteinsatz 54 Tage, ohne abgeschlossene Rekrutenschule 26 Tage (Verordnung über den zivilen Ersatzdienst, Art. 38 Abs. 3). Danach beträgt die Mindestdauer eines Einsatzes unabhängig von einer abgeschlossenen Rekrutenschule 26 Tage pro Jahr. Zivildienstpflichtige ohne abgeschlossene Rekrutenschule müssen jedoch zusätzlich noch innerhalb von 3 Jahren nach Zulassung und spätestens im 27. Lebensjahr einen “langen Einsatz” von mindestens 180 Tagen leisten (wobei dieser wiederum in zwei Tranchen während zwei aufeinanderfolgenden Jahre im gleichen Einsatzbetrieb geleistet werden kann; Verordnung über den zivilen Ersatzdienst, Art. 37). Seit dem 1. Juli 2016 spielt es keine Rolle mehr, ob ein Zivildienstpflichtiger beim Zeitpunkt der Einreichung seines Gesuchs im Personalinformationssystem der Armee (PISA) als Durchdiener erfasst war oder nicht — die Regeln sind für alle Zivildienstpflichtigen gleich.

00_ZIVI_MEDIENBILDER_GAB20131113_000327B

Die Einsätze finden in gemeinnützigen Institutionen, Organisationen des Gesundheits-, Sozial- und Schulwesens, der Kulturgütererhaltung, des Umwelt- bzw. Landschaftsschutzes, in der Landwirtschaft, der Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe statt. Zivildienstpflichtige müssen ihren Einsatzbetrieb selber ausfindig machen. Dazu findet er im E-ZIVI eine reichhaltige Auswahl von möglichen Einsatzbetrieben. Seit dem 1. Juli 2016 gibt es jedoch einige Einschränkungen. So kann ein Zivildienstpflichtiger nicht in einer Institution seinen Dienst leisten bei der er bereits tätig ist bzw. während des vorangehenden Jahres tätig war, zu der der Zivildienstpflichtige eine enge Beziehung hat (beispielsweise durch ehrenamtliche Mitarbeit, bei nahestehenden Personen u.a.; vgl. Bundesgesetz über den zivilen Ersatzdienst, Art. 4a). Damit geniessen Zivildienstpflichtige zwar einerseits bei der Planung ihrer Einsätze grosse Freiheiten müssen dabei jedoch auch eigene Verantwortung übernehmen. Vor einem Einsatz müssen notwendige Ausbildungskurse absolviert werden und mit dem Einsatzbetrieb eine Einsatzvereinbarung abgeschlossen werden, welche der Vollzugsstelle eingereicht werden muss. Die Einsatzvereinbarung muss spätestens dreieinhalb Monate vor dem geplanten Beginn des Einsatzes im Regionalzentrum eintreffen – bei Auslandeinsätzen sogar mindestens vier Monate. Erst danach erhält der Zivildienstpflichtige von der Vollzugsstelle ein Aufgebot für die Zivildienstleistung. Wenn der Zivildienstpflichtige seiner Einsatzpflicht nicht nachkommt, innerhalb der geforderten Frist keine Einsatzvereinbarung einreicht und auch nicht auf Mahnungen reagiert, erhält er von der Vollzugsstelle ein kostenpflichtiges Aufgebot von Amtes wegen. Die Kosten können dabei bis CHF 540.– betragen.

Grundsätzlich muss der Einsatzbetrieb dem Zivildienstleistenden nebst einem “Taschengeld”, welches einem Sold eines Soldaten entspricht, Arbeitskleider, Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung stellen. Der Zivildienspflichtige kann jedoch auch seine Privatunterkunft nutzen, was jedoch nicht entschädigt wird. Zusätzlich können Zivildienstleistende auf freiwilliger Basis Zivildienstkleidung über einen Online-Shop beziehen. Arbeits- und Ruhezeiten des Zivildienstleistenden entsprechen denjenigen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern des Einsatzbetriebes d.h., dass auch Überstunden dementsprechend kompensiert werden. Dauert ein Einsatz 54 Tage oder länger, erhält der Zivildienstleistende ein Arbeitszeugnis des Einsatzbetriebs, bei kürzeren Einsätzen erhält er eine Arbeitsbestätigung (Bundesgesetz über den zivilen Ersatzdienst, Art 28ff). Seit dem 1. Juli 2016 hat ein Zivildienstleistender bei einem ununterbrochenen Einsatz für die ersten 180 Tage Anspruch auf acht Ferientage, für jeweils 30 weitere Einsatztage auf zwei Ferientage (Verordnung über den zivilen Ersatzdienst, Art. 72). Insgesamt sind dies gegenüber der militärischen Dienstpflicht gewichtige Annehmlichkeiten, welche den “Tatbeweis” stark relativieren.

Ausserdem können Interessierte bei Nachweis entsprechender Qualifikation (abgeschlossene Berufsausbildung, mindestens zwei Jahre Studium oder eine mehrjährige qualifizierte Erfahrung im Tätigkeitsgebiet) und bei der Erfüllung von bestimmten Auflagen (Bestehen eines Probeeinsatzes bzw. eines Assessments) ihren Zivildienst auch im Ausland leisten, was für Militärdienspflichtige auch nicht möglich ist. Ansonsten ist ein Zivildienstleistender einem Militärdienstleistenden hinsichtlich EO und Sold (“Taschengeld”) finanziell gleichgestellt. Das gilt auch beim Wehrpflichtersatz: Dieser wird dann fällig (3% des Jahreslohns, mindestens aber CHF 400.–), wenn noch Diensttage geleistet werden müssen und nicht mindestens die 26 Diensttage pro Jahr geleistet wurden.

Zulassungen pro Jahr. Je rund 45% davon werden vor oder nach der Rekrutenschule zugelassen und nur 8,7% umfassen AdA aus Rekrutenschulen (Quelle:

Zulassungen pro Jahr. Je rund 45% davon werden vor oder nach der Rekrutenschule zugelassen und nur 8,7% umfassen AdA aus Rekrutenschulen (Quelle: “Zahlen und Fakten“, Vollzugsstelle für Zivildienst, 28.06.2016). Offensichtlich ist jedoch, dass Zivildienstgesuche kaum nur aus Gewissensgründen gestellt werden, wie es eigentlich gesetzlich vorgeschrieben wäre.

Update vom 12.09.2009
Der Chef der Armee, Korpskommandant André Blattmann nimmt die Probleme, welche die neue, liberale Zivildienstregelung verursachen, ernst. Bis Ende August 2009 meldeten sich rund 4’328 AdA zum Zivildienst (zum Vergleich: im Vorjahr waren es noch 1’946 Zulassungen). Derzeit rechnet die Armee mit rund 22’000 ausexerzierten Rekruten – bis Ende Jahr ist zu rechnen, dass durch die neue Regelung der Armee rund 1/5 dieser Rekruten verloren gehen. Langfristig würde das bedeuten, dass die Armee rund 20-25 Bataillone verlieren würde. In einem Interview der “Mittelland-Zeitung” (das Interview ist leider nicht online verfügbar) sprach Blattmann von einer “Verhöhnung der Wehrdienstleistenden”, von einer “nicht zu Ende gedachten Regelung” und von einem “Betriebsunfall” in den eidgenössischen Räten. Mit der Kritik, dass “all die Arbeiten, die im Zivildienst geleistet werden, keine Staatsaufgaben sind” schoss er aber doch etwas über das Ziel hinaus, wenn man berücksichtigt, dass auch der Einsatz von Armeeangehörigen nicht nur ausschliesslich Staatsaufgaben umfasst und dass sich bei den Zivildiensteinsätzen immerhin überwiegend um Dienstleistungen zugunsten der Allgemeinheit handelt. Die Erfahrung zeigt, dass einige Armeeangehörige die neue Zivildienstregelung in einer erpresserischen Art und Weise gegenüber ihren Vorgesetzten einsetzen, um beispielsweise eine Dispensation von der Sonntagswache (beispielsweise passiert in der Panzerschule), Urlaub oder der Verzicht einer militärischen Weiterausbildung zu erzwingen. Deshalb fordert der Chef der Armee eine Regeländerung, welche die Einreichung eines Zivildienstgesuches während einer Dienstleistung verhindert. Bereits reichte der Schaffhauser SVP-Nationalrat Thomas Hurter, unterstützt von Mitgliedern der Sicherheitspolitischen Kommission aus allen bürgerlichen Parteien, am letzten Donnerstag eine parlamentarische Initiative ein, welche die Wiedereinführung der Gewissensprüfung fordert.

This entry was posted in Politics in General, Switzerland.

16 Responses to Schweizer Zivildienst – explained!

  1. Danke für diesen ausführlichen Bericht.

    Man kann der abgeschafften Gewissensprüfung und dem damit verbundenen Abgang von AdAs jedoch auch positives abgewinnen. Jene, welche nicht motiviert sind eine RS zu absolvieren suchen das weite. Übrig bleiben kleinere, jedoch motiviertere RS-Bestände was im Sinne der Ausbildungsqualität im Grundausbildungsdienst sicherlich Vorteile bringt. Logischerweise wird die Schere zwischen einer Weiterführenden Militärlaufbahn (Gruppenführer/Zugführer) zusehends grösser. Ein weiterer Ausbau der “Vorteile” einer militärischen Weiterbildung wäre hierbei von Vorteil. Weil ein abgeschlossenes FUM Modul oder die BUSA sind längerfristig keine Werte, welche man als 18-22 Jähriger in anspruch zu nehmen vermag. Die Führungserfahrun jedoch ist ein kostbares gut, dass man zu schätzen lernt.

  2. Thomas says:

    Als ich an die Aushebung musste, hätte ich mein Gewissen von dieser Komission prüfen lassen müssen, um in den Zivildienst zu kommen.
    Leider leider, und aus völlig völlig anderen Gründen wurde ich als medizinisch untauglich eingestuft.

  3. Gefreiter says:

    Besten dank für diesen kritischen Bericht. Er zeigt gut die fehlende Koherenz, unter welcher die schweizer Politik seit einigen Jahren leidet und welche vor allem im Bereich der Sicherheitspolitik spürbar ist.

    Der Bericht zeigt aber auch auf, dass der Erhalt der Milizarmee nicht durch Festhalten an alte Traditionen und Immobilismus gewährleistet werden kann.

    Ich kann mir noch gut an eine der einzigen Fahnenübergaben erinnern, an der ich anwesend war. Die Zeremonie erinnerte stark an ein Begräbnis. Einige prominente und nicht unbedingt bestens erhaltenen Reliquien aus vergangenen Zeiten drückten (meiner ganz persönlichen Meinung nach) die Sichtweise des Kommandanten aus. Das Ganze endete mit einer wahrscheinlich nicht so gemeinten Rede desselben, welche vor einigen Jahrzehnten wahrscheinlich kaum aufgefallen wäre. Eine Rede, welche ich bis heute als Beleidigung für uns kleinen Ameisen welche die ganze Organisation am Laufen gehalten haben, empfinde.

    Das Ganze um zu sagen, dass die Armee noch weitere Reformen brauchen wird, weniger um sich den neuen Gefahren anzupassen, sondern der Gesellschaft, in der sie operiert.

  4. Dostojewski says:

    Milizarmee – Nein Danke !

    Jedes Jahr müssen in der Schweiz hunderte von Wehrpflichtigen in den Militärdienst einrücken. Grundsätzlich lässt sich nichts dagegen sagen, dass jeder Bürger seinen persönlichen Beitrag für die Gemeinschaft leistet. Allerdings kann man je länger je mehr diese Art von Dienstleistung hinterfragen. Die meisten Staaten in Europa haben das Milizsystem ganz abgeschafft oder lassen dem Bürger die Wahl, wie er seinen Beitrag für das demokratische Gemeinwesen erbringen will. Nicht so in der Schweiz, und dies obwohl derzeit keine unmittelbare Bedrohung das gegenwärtige System rechtfertigen würde. Im Gegenteil. Die Armee tut sich mit tiefgreifenden Reformen schwer und erkennt die Zeichen der Zeit nicht. Die alljährlichen stupfsinnigen und sinnlosen WKs bringen in den wenigsten Fällen einen Nutzen für die Allgemeinheit, auch wenn dies dem Bürger und den Soldaten immer wieder weissgemacht werden soll.

    Es gibt unzählige Argumente gegen eine Wehrpflicht. Aber es wird an der Zeit, dass man diesen Argumente in der Politik Gehör verschafft. Die Schweiz braucht eine Armee, aber keine Milizarmee !

    Vielleicht gibt es unter euch auch Leute, die das ähnlich sehen. Ich bin darum auf eure Meinung und eine angeregte Diskussion gespannt. Mehr noch : Ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, diesbezüglich eine Initiative zu starten, brauche dazu aber natürlich noch Unterstützung !
    Für diejenigen unter euch, welche genug von diesem überholten und realitätsfernen Modell haben: Ich habe eine Facebook Gruppe gegründet und hoffe natürlich auf regen Zulauf.

  5. Daniel says:

    Ich muss hier Dostojewski teilweise Recht geben. Ich bin in jedem Fall dazu bereit einen “Dienst” für mein Land zu erbringen. Das Problem ist jedoch dass es in der heutigen Armee schwer ist die Komponente “Dienst” in einem WK zu finden (abgesehen von ein paar Ausnahmen wie dem WEF). Wie ich meinem Land diene indem ich dreieinhalb Wochen auf Staatskosten untergebracht und gefüttert werde, erschliesst sich mir nicht.

    Das Problem liegt, wie immer, in den obersten Etagen, wo die Armee noch immer geführt wird als wäre es 1848. Es gäbe weissgott ausreichende Gründe für eine Armee, auch für ein Milizsystem kann man argumentieren. Aber so wie der Betrieb heute aussieht, und das werden alle bestätigen die ihn einmal von innen miterlebt haben, fehlt ihm einfach die Daseinsberechtigung. Da gehört eine grosse, tiefgreifende Umorganisation auf den Plan, bei der auch Köpfe zu rollen haben – diejenigen alteingesessenen Herren nämlich, die sich unter konsequenter Verschliessung vor den Gegebenheiten unserer Zeit auf alte Modelle versteifen, die schon vor Jahrzehnten nicht mehr funktioniert haben.

    Wie gesagt, ich wäre grundsätzlich bereit einen Dienst zu leisten. So wie es jetzt aussieht werde aber auch ich vom neuen Zivildienst-Prozedere Gebrauch machen. Dabei geht es auch um die flexiblere Einsatzplanung – das starre System des Militärs welches weder auf Fähigkeiten noch Tätigkeiten der AdAs Rücksicht nimmt (besonders für Studenten mühsam) funktioniert heute nicht mehr. Vor allem geht es mir aber darum dass ich einen Dienst leisten kann, bei welchem die Bezeichnung “Dienst” keinen ironischen Beigeschmack hat.

    Der massive Zulauf beim Zivildienst sollte der Armeespitze zu denken geben. Es handelt sich nämlich nicht ausschliesslich um Drückeberger oder Weicheier (auch ich habe meine RS und mehrere WK bereits absolviert) sondern um Männer die es satt haben in einer Armee zu dienen, in der von Organisation oder Zweckbewusstsein nichts zu spüren ist. Während meiner Dienstzeit habe ich oft darüber nachgedacht wie gut der Laden funktionieren könnte wenn er effizient organisiert wäre, sich seiner Aufgaben bewusst wäre, und auf die Mitarbeit seiner AdAs setzen würde anstatt dem kindischen “gegeneinander” das heute herrscht. Die Gesellschaft hat sich in den letzten 150 Jahren verändert. Ich bin mir sicher dass die Armeespitze überrascht wäre wie gut die Schweizer Milizarmee funktionieren könnte wenn jeder Angehörige wüsste warum und wozu er dort ist, wenn die Ausbildung fernab von Unsinn und Blödelei auf ein wirkliches Ziel hinarbeiten würde, und somit auch die Motivation des Einzelnen steigt. Dann wäre die Armee vielleicht auch vermehrt für wirkliche Zwecke zu gebrauchen – nicht nur für dreiwöchiges Herumlungern – und somit in politischen Diskussionen auch viel leichter zu rechtfertigen. Im Moment geht es aber rasant bergab, und wenn es so weitergeht wird das System früher oder später von innen auseinanderbrechen.

  6. Hallo Dostojewski,

    danke für Deinen Kommentar. Sobald Deine Facebook-Gruppe steht, darfst Du hier gerne den Link dazu publizieren.

    Über das Thema Wehrpflicht/Milizarmee wurde auf diesem Blog unter anderem in den Kommentaren dieses Artikels ausführlich diskutiert. Grundsätzlich ist der Entscheid, ob es in der Schweiz eine Dienst- oder eine Wehrpflicht, eine Milizarmee oder keines dieser Punkte gibt ein politischer Entscheid und vom Willen der Stimmbevölkerung abhängig. Der Vorwurf “Die Armee tut sich mit tiefgreifenden Reformen schwer und erkennt die Zeichen der Zeit nicht.” stimmt also in diesem Zusammenhang nicht. Ausserdem ist die Milizarmee nicht zwangsläufig mit einer Wehrpflicht gleichzusetzen (siehe dazu diesen Artikel).

    Die alljährlichen stumpfsinnigen und sinnlosen WKs bringen in den wenigsten Fällen einen Nutzen für die Allgemeinheit, auch wenn dies dem Bürger und den Soldaten immer wieder weissgemacht werden soll.

    Auch dieser Aussage kann ich nicht voll zustimmen. Sicher gibt es WKs, die aus der Sicht des Soldaten wenig Sinn machen. Andererseits: ohne WK-Truppen hätte es keine Euro 08, kein WEF, keine Hilfe beim Unwetter 2005 gegeben, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch hier gilt wieder: nicht die Armee sucht sich ihre Aufgaben, es ist Aufgabe der Politik der Armee einzusetzen. Wie schwer sie sich dabei tut, sieht man nur schon an der Diskussion über eine Beteiligung an der Operation “ATALANTA”. In der Schweiz darf Sicherheitspolitik nicht mehr länger Interessenpolitik der Parteien sein.

  7. Michael Bütikofer says:

    Ha! Schon wird von allen Seiten gejammert, die neue Regelung zum Übertritt in den Zivildienst sei zu lasch! Und manche nehmen das Maul nur allzu voll, doch eigentlich jammern und täublen sie nur; ich will hier nicht zitieren, das Durchlesen des obigen Artikels und ein bisschen gesunder Menschenverstand erklären das Nötige.
    Dass unsere Milizarmee ein künstlich am Leben erhaltenes Urbiest aus alten Tagen ist und in der heutigen Welt ihren Sinn in der Bewaffnung von Kleiderschränken sucht, hätte ich euch schon lange sagen können. Wenn die Leute solch einem Betrieb davonlaufen, nimmt mich das überhaupt nicht Wunder…

  8. Über 7000 Männer haben 2009 ein Gesuch für den Zivildienst eingereicht, etwa drei Mal so viele wie erwartet. Dies generiert auch Probleme für den Zivildienst. Jedenfalls spricht Samuel Werenfels, Leiter Vollzugsstelle für den Zivildienst davon, dass durch die grosse Nachfrage zusätzlich 4 Millionen Franken mehr aufgewendet werden müsste, als budgetiert. Jedoch nur ca. 1/6 der Zivildienstgesuche stammen aus den Rekrutenschule – der überwiegende Anteil umfasst WK-pflichtige Soldaten. Das könnte für eine Ausweitung des Durchdiener-Modells sprechen…

  9. Weitere Entwicklung im Bereich der Zivildienstregelung

    Die hohe Anzahl Zivildienstleistender stellt auch Samuel Werenfels, Leiter Vollzugsstelle für den Zivildienst vor Problemen: es mangelt an Einsatzplätzen. Er schlägt deshalb vor, Zivildienstler könnten bei allen Hilfeleistungen an Behörden oder Veranstalter eingesetzt werden, die nichts mit Sicherheit zu tun hätten. Da ich persönlich der Meinung bin, dass die Schweizer Armee nicht zur reinen “Manpower”-Organisation verkommen sollte und sich grundsätzlich aus allen Aufgaben raus halten sollte, welche nichts mit Sicherheit, Katastrophenschutz, Friedensförderung oder Verteidigung zu tun haben, begrüsse ich den Vorschlag von Werenfels. Für die Umsetzung wäre jedoch eine Gesetzesrevision nötig. Trotzdem löst dieser Vorschlag nicht das Problem, dass mit dem Tatbeweis die Militärdienstpflicht faktisch aufgehoben wurde und dass es langfristig zu Unterbeständen kommen könnte. Vermutlich blieben deshalb positive Reaktionen auf Werenfels Vorschlag aus.

    Im Gegensatz dazu fordert die Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrates in einer Motion eine Verschärfung der Zivildienstregelung und hat den Bundesrat beauftragt, umgehend eine Vorlage zur Revision des Zivildienstgesetzes auszuarbeiten. Ende Januar stimmte die Sicherheitspolitische Kommission des Ständerates dieser Motion ebenfalls zu. Das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement will bis Mitte Jahr einen Bericht über das erste Jahr die Auswirkungen der gelockerten Zulassung zum Zivildienst erstellen. Der Bundesrat wird daher eine Vorlage zu einer allfälligen Revision des Zivildienstgesetzes den Eidgenössischen Räten nicht vor Ende 2010 vorlegen können.

    Vermutlich als Reaktion, dass der überwiegende Anteil der Zivildienstgesuche WK-pflichtige Soldaten umfasst, wurde am Mittwoch, 24.02.2010 bekannt gegeben, dass ein Entscheid auf ein eingereichtes Zivildienstgesuch erst nach einer vierwöchigen Frist abgegeben wird. Das heisst konkret, dass ein AdA, welcher ein Zivildienstgesuch während einem Militärdienst eingereicht hat, weitere vier Wochen Dienst leisten muss. Bei einem während eines WKs eingereichten Gesuch wird so die Absolvierung des angebrochenen WKs sichergestellt. Es könnte jedoch auch sein, dass nun AdAs ihre Zivildienstgesuche vier Wochen vor dem WK einreichen. Für Rekruten- und Kaderschulen bedeutet diese neue Regelung ein Mehraufwand, weil die betroffenen Personen vier Wochen “mitgeschleppt” werden und nach den abgelaufenen 4 Wochen abgerüstet werden müssen. Da damit Gesuche nicht verhindert werden, bin ich nicht überzeugt, dass diese Massnahme einen Effekt auf die Höhe der Gesuche hat.

  10. Pingback: Offiziere.ch » Wie wichtig ist unserer Gesellschaft die Armee noch?

  11. Martin Sutter says:

    Der Zivile Ersatzdienst ist in seiner jetzigen Form ein Witz. Er wird leider für viele zum Ausweg aus der Armee.
    Die Wahl, ob ein Ziviler Dienst oder ein Militär Dienst geleistet wird, muss unbedingt vor der Aushebung getroffen werden.

    Einerseits gehen dem Zivildienst sehr viele gute Leute verloren, weil sie für den Militärdienst untauglich sind. (Für den Zivildienst wird aktuell nur zugelassen, wer Militärdienst-Tauglich ist)

    Zum anderen gehen dem Militär viele Leute verloren, die aus reinem “Anschiss” in den Zivildienst wechseln.

    Nur selten hört man von Rekruten, die Rekrutenschule sei eine gute Erfahrung. Ich denke, es sollte besser kommuniziert werden, warum etwas getan wird. Der Rekrut fühlt sich in einen “Hirn-Aus” Modus versetzt. Das ist für viele unattraktiv.

  12. Pingback: Sessionsrückblick | Offiziere.ch

  13. Pingback: Armee vs. Zivildienst: Wo ist das Problem? | Offiziere.ch

  14. Hans says:

    Das Problem ist einfach, dass die Wks Leerlauf sind. Bei meiner Truppengattung benötigen wegen dem vielen Material jeweils eine Woche für das Aufrüsten und eine Woche fürs Abrüsten. Das ist frustrierend und Ineffizient. So macht das ganze keinen Spass. Je nach Situation (Selbständig erwerbenden, Studenten, Arbeitslose) bringt das WK-System empfindliche Probleme und Nachteile mit sich, die weder durch den Staat noch durch Private kompensiert werden. Gegenwärtig ist man auf dem Arbeitsmarkt und bei der Ausbildung benachteiligt, weil pro Generation (Frauen und Ausländer mitgerechnet) weniger als 15% der Personen die 3-wöchige Absenz aufweisen. Also nimmt niemand mehr Rücksicht darauf, im Gegenteil! Ich kriegte diverse Jobs trotz vorheriger Zusage nicht, weil ich dienstpflichtig bin.
    Da kommt nur Hass auf die Armee auf. Dies erlebe ich in jedem WK. In meiner Kompanie kenne ich keinen einzigen Soldaten, der dem Militädienst irgendeinen Wert beimisst. Diskriminierung ohne ausgleich, und ihr wundert euch, dass die Leute abhauen…

    • ArgonNova says:

      Ich plädiere schon lange dafür, dass die WK-Dauer für Soldaten auf 4 Wochen und für die Kader welche KVK-pflichtig sind auf 5 Wochen pro Jahr verlängert wird. Damit hätte man effektiv 2 volle Wochen Zeit um nach dem Aufrüsten und vor dem Abrüsten des Batallions sich mit Fach- und Verbandsausbildung zu betätigen. Für mich ist nicht die WK-Dauer das Problem, sondern der Aufwand jedes Jahr überhaupt in die Armee ein- und wieder auszurücken. Rein rechnerisch könnte somit die effektive Ausbildungszeit verlängert und das Auf- und Abrüsten vermindert werden. Allerdings müsste im Gegenzug bei gegebener Gesamtdienstleistungszeit von 262 Tagen die Anzahl WK’s von heute durchschnittlich 6.15 auf 4.7 reduziert werden. Mit etwas Feinkorrektur wäre dies allerdings trotzdem problemlos möglich, z. Bsp. in dem man die heutige RS-Dauer auf 20 Wochen verkürzt und im Anschluss dafür exakt 5 WK’s a je 4 Wochen Dauer pro Jahr leistet (mit KVK 5 Wochen). Um die Armeebestände zu halten, müsste man einfach die Verweildauer in der Reserve um ein Jahr verlängern. Damit wäre eine weit effektivere militärische Ausbildung der aktiven Ada’s gewährleistet. Ich behaupte zudem, für die meisten privaten Arbeitgeber ergibt es keinen Unterschied ob ihr Mitarbeiter nun 3 oder 4 Wochen pro Jahr abwesend ist, wenn er dafür ein Jahr früher mit dem Militärdienst definitiv abschliessen kann.

  15. Pingback: Sessionsrückblick | Offiziere.ch

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This blog is kept spam free by WP-SpamFree.