Auch für die Bundeswehr gilt: Familie geht vor! – Ein Interview mit dem Deutschen Familienverband

Siegfried Stresing, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbandes (DFV)

Siegfried Stresing, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbandes (DFV)

Als der Bundespräsident Ursula von der Leyen die Ernennungsurkunde zur zukünftigen Verteidigungsministerin der Bundesrepublik Deutschland überreichte, ahnte kaum jemand, dass ihre erste Amtshandlung auf die Familien in der Bundeswehr zielen würde: und zwar auf Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Dienstalltag der Soldaten.

Wir sprachen mit dem Bundesgeschäftsführer des größten und ältesten Familienverbandes in Deutschland, Herrn Siegfried Stresing, über die neuen Herausforderungen der Bundeswehr.

Sehr geehrter Herr Stresing, wird die letzte Bastion der Unvereinbarkeit mit der neuen Verteidigungsministerin fallen?

Wenn wir ehrlich sind, bemüht sich die Bundeswehr bereits seit den 60er Jahren um eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So wurden sukzessive Belegrechte zu Tausenden in Kindertagesstätten eingekauft, damit Soldaten ihre Kinder betreuen lassen konnten. Natürlich war das Thema vor 50 Jahren ein anderes als es heute ist. Der Beruf alleine macht längst nicht mehr das entscheidende Quäntchen Lebensglück aus: Heute ist es zunehmend die Zeit für und mit der Familie. Im „Handbuch zur Vereinbarkeit von Familie und Dienst in den Streitkräften“ sind gesetzliche Regelungen, die natürlich auch in diesem Bereich gelten, deutlich beschrieben. Ich erinnere an den Anspruch auf Teilzeit bei familiären Verpflichtungen, an die Elternzeit, an den Ausgleich für geleistete Mehrarbeit. Woran es aber bislang, gerade in der Bundeswehr, erheblich mangelt, ist eine familienorientierte Führungskultur. Und da ist der Vorstoß der Verteidigungsministerin sehr zu begrüßen, auch als Anstoß für andere Bereiche.

Nicht nur das Verhältnis zur Familie hat sich verändert.

Ja, das stimmt. Vieles hat sich verändert. Die Sicht auf die Familie, aber auch die Sicht auf Frauen in der Bundeswehr. 1975 durften Soldatinnen nur im Sanitätswesen tätig werden. Heute stehen ihnen alle Laufbahnen offen. Frauen in der Bundeswehr sind aber nicht nur Soldatinnen, sondern vielfach auch Mütter. Darauf muss sich die Bundeswehr, genauso wie auf „neue“ Väter, mit besonderen Angeboten einstellen.

Deutsche Soldaten im Sanitätsdienst

Deutsche Soldaten im Sanitätsdienst

Gibt es noch einen weiteren Grund, warum Familienfreundlichkeit in der Bundeswehr plötzlich hochgehalten wird?

Seit der Aussetzung der Wehrpflicht hat die Bundeswehr einen großen Konkurrenten bei der Suche nach den besten und klügsten Köpfen bekommen – und zwar die private Wirtschaft. Die Bundeswehr muss sich nun als familienfreundlicher und attraktiver Arbeitgeber positionieren um qualifizierte Arbeitnehmer werben zu können.

Kann man also sagen, dass die Bundeswehr nur familienfreundlicher wird, weil sie es muss?

Die Menschen selbst wollen es. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist bei der Auswahl des Arbeitgebers ein sehr gewichtiger Punkt. Zudem gibt es einen stetig steigenden Druck innerhalb der Armee. Viele Soldaten sind Eltern und fordern eine bessere Vereinbarkeit – und diesbezüglich hat die Bundeswehr schon einiges gemacht. Das darf nicht unterschlagen werden, aber es brauchte wohl eine Bundesfamilienministerin a.D., die das Undenkbare dachte und die Familienfreundlichkeit der Bundeswehr wirklich in die Öffentlichkeit trug und es zur Priorität erklärte.

Wie engagiert sich die Bundeswehr bereits für Familien?

Die Bundeswehr ist kein normaler Arbeitgeber wie jeder andere. Sie hat eine besondere Aufgabe gegenüber dem Staat, seinen Bürgern und auch gegenüber ihren Soldaten. Wenn es um den Vergleich der Vereinbarkeit zwischen der Bundeswehr und der privaten Wirtschaft geht, kann man sogar sagen, dass die Bundeswehr als Arbeitgeber durchaus fortschrittlich ist.

Wie meinen Sie das genau?

Karte der Familienbetreuungsorganisationen der Bundeswehr: 31 Familienbetreuungszentren unter der Leitung des Einsatzführungskommandos in Potsdam

Karte der Familienbetreuungsorganisationen der Bundeswehr: 31 Familienbetreuungszentren unter der Leitung des Einsatzführungskommandos in Potsdam

Die Bundewehr unterhält beispielsweise 31 hauptamtliche Familienbetreuungszentren und 50 weitere Familienbetreuungsstellen in den verschiedenen Standorten, die Familien mit Rat und Tat zur Seite stehen – und das 365 Tage im Jahr an 24 Stunden. So ein Engagement für Familien wünscht man sich auch von der Privatwirtschaft.

Herr Stresing, werden wir bald Kindergärten in Afghanistan bauen müssen?

Definitiv wird man in der Bundeswehr nicht überall die Vereinbarkeit von Familie und Beruf adäquat umsetzen können. In Einsatzgebieten haben der Partner und die Kinder nichts zu suchen. Dennoch ist die Betreuung und die Fürsorge der Soldatenfamilien, die in Deutschland zurückgeblieben sind, besonders wichtig. Lange Trennungszeiten und lebensgefährliche Einsätze stellen jede Familie und Ehe vor psychische und im schlimmsten Fall auch vor materielle Herausforderungen.

Woran denken Sie konkret?

Eine gerade in diesem Beruf nie auszuschließende psychische oder physische Schädigung bis hin zum Tod kann nie ausgeschlossen werden. Frau von der Leyen war immerhin eine der ersten, die eine der Aufgaben der Bundeswehr deutlich mit der zutreffenden Bezeichnung „Krieg“ in unsere Köpfe brachte. Vor allem in der Versehrten- und Hinterbliebenenversorgung muss noch einiges mehr geleistet werden.

Die Verteidigungsministerin will die Versetzung von Soldaten auf ein Mindestmaß reduzieren. Das wird den Familien wohl auch entgegenkommen, oder?

Sicherlich wird das vielen Soldatenfamilien entgegenkommen, auch wenn es sich nicht immer vermeiden lässt. Ein Umzug ist nicht nur für die Ehepartner ein schwieriges Unterfangen. Vor allem sollte man die Kinder nicht vergessen. Sie werden aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, müssen die Schule wechseln und verlieren gar ihre Freunde. Aus familientherapeutischer Sicht ist das nicht unbedenklich. Meist gibt es mehrere Möglichkeiten bei Stellenumbesetzungen. Bei konkurrierenden Interessen von Mitarbeitern sollte Familien Priorität eingeräumt werden.

Manuela Schwesig, Bundesfamilienministerin

Manuela Schwesig, Bundesfamilien-ministerin

Dann hat die Familienministerin Manuela Schwesig wohl ein Aufgabengebiet weniger.

Ganz und gar nicht. Dank des Vorstoßes der Verteidigungsministerin wird vermehrt deutlich, dass eine Familienorientierung auch in Bereichen möglich ist, in denen es noch vor Kurzem undenkbar schien. Um bislang Undenkbares zu schaffen, wird jede Unterstützung, auch durch Vorbilder, benötigt. In der deutschen Familienpolitik stehen wir vor sehr großen Herausforderungen, die eine durchsetzungsstarke Familienministerin benötigen. Man nehme allein das Thema Wahlfreiheit in der Betreuung.

Sie meinen das in Deutschland heiß diskutierte Betreuungsgeld?

Es geht viel weiter. Wir können erst von einer Wahlfreiheit in der Betreuung von 1- und 2jährigen Kindern sprechen, wenn nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ ausreichende Kinderbetreuungsmöglichkeiten vorhanden sind und Familien ein Betreuungsbudget erhalten, mit dem sie eine externe Betreuungsleistung einkaufen oder selbst erbringen können.

Heißt das, dass Familien künftig 1000 Euro, die ein Betreuungsplatz kostet, selbst erhalten sollten?

Wir wollen nicht, dass sich die öffentliche Hand ganz aus der Mitfinanzierung öffentlicher Betreuung herauszieht und fordern daher 700 Euro. Wir müssen Eltern bitte endlich vertrauen, dass sie wissen, was das Beste für ihre Kinder ist und dieses auch leisten. In Deutschland brauchen wir zuvörderst eine individuelle Förderung und erst nachranging eine objektbezogene.

Kommen wir noch einmal auf die Kinderbetreuung zurück. Sollten Betreuungseinrichtungen für Kinder wirklich innerhalb von Kasernen stehen?

Was wir wirklich brauchen – und das deutschlandweit – sind qualitativ hochwertige Betreuungseinrichtungen. Das kann der Kindergarten in der Kaserne, die Tagesmutter oder die häusliche Betreuung sein. Es ist völlig in Ordnung, wenn es auch Betreuungseinrichtung innerhalb der einzelnen Standorte gibt und diese ausgeweitet werden. Das ist heute bereits in vielen Kasernen der Fall. Sicherlich ist es nicht optimal, wenn vor Schuleintritt Kinder nur andere Kinder aus demselben Unternehmen begegnen. Aber in vielen Betrieben haben wir uns längst daran gewöhnt und nehmen das, im Interesse einer besseren Vereinbarkeit, hin.

Kritiker wenden ein, dass die Bundeswehr auch so bereits von finanziellen Engpässen betroffen ist und daher kein Geld für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zur Verfügung steht.

So wie wir in den vergangenen Jahren immer wieder deutlich gemacht haben, dass sich Investitionen in eine bessere Familienorientierung, dass sich zufriedene und motivierte Mitarbeiter auch für das Unternehmen lohnen, ist die Zuordnung zum Verteidigungsetat zunächst nur konsequent.  Darüber darf aber, auch in dieser Diskussion, nicht das gesamtgesellschaftliche Interesse an Familien vernachlässigt werden. Wir brauchen einen „Solidarpakt für Familien“ in allen Ebenen, auch in der Bundeswehr. Gut gemeinte Worte oder Einzelmaßnahmen reichen für eine Vereinbarkeit nicht aus. Wenn wir das Thema wirklich voranbringen wollen, dann sollten wir das auch mit den richtigen Mitteln, das heißt Geld, Qualität und Partnerschaft, anpacken. Von separierten Einzellösungen hat niemand etwas. Wir brauchen eine nachhaltige Flächenlösung!

Ursula von der Leyen, Verteidigungsministerin

Ursula von der Leyen, Verteidigungsministerin

Was kann man noch machen, damit die Bundeswehr familienfreundlicher wird?

Da gibt es einiges. Ich nenne Ihnen ein paar Beispiele: Zum einen betrifft das die Teilnahme an Auslandseinsätzen. Für Familien wäre es wichtig, dass die Soldaten nach der Heimkehr nicht gleich wieder ausrücken müssen. Hier muss die Bundeswehr akzeptable Inlandsverbleibzeiten einführen. Es kann ja nicht sein, dass Väter oder Mütter nach neun Monaten wieder in den Krieg ziehen müssen. Zum anderen sollte man sich Gedanken um adäquate Wohnungen für Soldatenfamilien machen. Auch das Thema Planungssicherheit und Versetzung haben wir angesprochen. Manche Träger von Kindertagesstätten lehnen auch die Betreuung von Kindern in einer Zeit von vier Wochen zum Beispiel ab. Ihnen ist die Belegzeit einfach zu kurz. Deshalb ist der Vorstoß von Ursula von der Leyen, die Bundeswehr familienfreundlicher zu gestalten, in allen Fällen sehr zu begrüßen. Ich finde es richtig, dass sie als erste Amtshandlung als Verteidigungsministerin die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewählt hat. Das setzt deutliche Akzente und setzt die Menschen in den Fokus. Davon könnten sich manch andere Politiker oder Manager eine große Scheibe abschneiden. Familie darf nicht immer nur zweite oder dritte Wahl sein. Familie ist das Wichtigste was wir in unserem Leben haben.

Sehr geehrter Herr Stresing, vielen Dank für das Gespräch.

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DFV LogoDer Deutsche Familienverband (DFV) ist seit 90 Jahren der Familie verpflichtet und engagiert sich als gemeinnützige Organisation für Eltern und ihre Kinder. Der DFV ist der größte mitgliedergetragene Familienverband und hat u.a. die Einführung des Erziehungsgeldes, des Erziehungsurlaubs, die Wahlfreiheit in der Betreuung und die Anrechnung von Erziehungsjahren in der Rente verbandspolitisch begleitet. Der Deutsche Familienverband ist die politische Vertretung aller Familien in Deutschland.

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Fotonachweis: DFV, Bundeswehr, Martin Rulsch, Wikimedia Commons / CC-by-sa 3.0/de (Foto von der Leyen), Thomas Fries / Lizenz: cc-by-sa-3.0 de (Foto Schwesig)

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One Response to Auch für die Bundeswehr gilt: Familie geht vor! – Ein Interview mit dem Deutschen Familienverband

  1. An die Besucher aus der Schweiz

    Die neue deutsche Verteidigungsministerin, Ursula von der Leyen, formulierte ihre Ziele klar: “Mein Ziel ist es, die Bundeswehr zu einem der attraktivsten Arbeitgeber in Deutschland zu machen”. Besonders wichtig sei dabei “Vereinbarkeit von Dienst und Familie”. Die Truppe müsse deshalb “Dienst- und Familienzeiten besser aufeinander abstimmen” (Quelle: “Kinder, Kitas und Kasernen“, tagesschau.de, 12.01.2014).

    Ein Grund für diesen Vorstoss der deutschen Verteidigungsministerin liegt sicherlich darin, dass sie von 2005 bis 2009 das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und von 2009 bis 2013 das Bundesministerium für Arbeit und Soziales inne hatte. Die Deutsche Bundeswehr steht jedoch auch im “Wettbewerb um die besten Köpfe” mit zivilen Unternehmen, welcher sie nur durch attraktivere Arbeitsbedingungen “gewinnen” kann.

    In der Schweiz spielt die Vereinbarkeit von Dienst – ob es nun Milizdienst oder beruflich ist – und Familie keine Rolle. Es ist Sache des Dienstleistenden bzw. des Arbeitnehmers Dienst und Familie unter einen Hut zu bringen. Das Argument, dass auch zivile Arbeitgeber sich kaum um diese Vereinbarkeit kümmern, ist nicht von der Hand zu weisen. Doch diese Argumentation vernachlässigt die Tatsache, dass auch die Schweizer Armee im Wettbewerb mit zivilen Unternehmen steht – und dass dieser Wettbewerb noch zunehmen wird. Auch wenn die Problematik des fehlenden Nachwuchses für Breufsunteroffiziere und Berufsoffiziere seit 2006 grösstenteils aus der medialen Berichterstattung verschwunden ist, so besteht dieses Problem nach wie vor.

    In einem im Mai 2013 erschienen Artikel der Neuen Luzerner Zeitung (“Wieso so viele Offiziere abmarschieren“) wurde das Problem erfasst:

    Die Schweizer Armee beschäftigt gut 3’300 Berufskader. Und die Rekrutierung von gut qualifiziertem Personal fällt schwer. Immer seltener peilen junge Menschen eine militärische Karriere an, die sie aus Berufung bis zur Pension verfolgen. Im Zivilleben schwindet die Bedeutung militärischer Weihen. Wer in der Armeehierarchie nach oben klettert – sei es als Berufskader oder als Milizoffizier –, kann deswegen in der Privatwirtschaft nicht mehr automatisch eine “Weitermachen”-Rendite abschöpfen. Die Strahlkraft der Armee als Arbeitgeberin verblasst zusehends. […] Die Schweizer Armee beschäftigt gut 3’300 Berufskader. Und die Rekrutierung von gut qualifiziertem Personal fällt schwer. Immer seltener peilen junge Menschen eine militärische Karriere an, die sie aus Berufung bis zur Pension verfolgen. Im Zivilleben schwindet die Bedeutung militärischer Weihen. Wer in der Armeehierarchie nach oben klettert – sei es als Berufskader oder als Milizoffizier –, kann deswegen in der Privatwirtschaft nicht mehr automatisch eine “Weitermachen”-Rendite abschöpfen. Die Strahlkraft der Armee als Arbeitgeberin verblasst zusehends.

    Neben einer Reihe anderer Kritikpunkte wurde auch die fehlende Rücksicht auf die Familie genannt:

    Doch was ist zu tun, damit der Armee die Berufskader künftig nicht mehr aus Frust davonlaufen? Tibor Szvircsev Tresch empfiehlt unter anderem eine “durchgängige Wertschätzung des Personals”, mehr positives Feedback, Transparenz und Klarheit bei Entscheiden. “Die Armee kann nicht mehr einfach sagen ‘Wir haben für Sie diese Position und damit basta'”. Sie müsse die Bedürfnisse der Mitarbeiter besser berücksichtigen. “Dazu gehört zum Beispiel die Rücksicht auf familiäre Verpflichtungen und Arbeitszeiten, die eine bessere Work-Life-Balance ermöglichen”.

    Die in Deutschland anlaufende Debatte “Vereinbarkeit von Dienst und Familie” ist auch für die Schweizer Armee relevant. Nicht zuletzt lautet einer der neun vom Chef der Armee formulierten Stossrichtungen “Die Schweizer Armee ist ein attraktiver Arbeitgeber“. Es wird langsam Zeit, die Umsetzung an die Hand zu nehmen.

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