Intervention und Versorgung – Das Kriegsglück im Ostkongo ändert sich

von Peter Dörrie (English version). Peter Dörrie ist Gründer und Chefredaktor bei AfrikaEcho.

Members of the Indian contingent of the United Nations Organization Mission in the Democratic Republic of the Congo (MONUC) train officers and soldiers of the Forces Armées de la République Démocratique du Congo (FARDC) Photo: Marie Frechon / UN Photo / 28.02.2008.

Members of the Indian contingent of the United Nations Organization Mission in the Democratic Republic of the Congo (MONUC) train officers and soldiers of the Forces Armées de la République Démocratique du Congo (FARDC) Photo: Marie Frechon / UN Photo / 28.02.2008.

Lange Zeit war im Ost-Kongo vor allem auf eins Verlass: Dass man sich auf die kongolesische Armee nicht verlassen kann. Jetzt scheinen jahrelange Reformbemühungen und Trainingsmissionen endlich Erfolge zu zeigen. Und zusammen mit einer afrikanischen Interventionstruppe, die mit einem historisch einmaligen, offensiven UN-Mandat ausgestattet ist, könnte das die militärische Wende im Ost-Kongo bedeuten.

Heruntergewirtschaftet unter dem Diktator Mobutu Sese Seko, in den Kongokriegen zerschlagen und aus den Resten diverser Rebellengruppen zusammengestückelt, war die kongolesische Armee (Forces Armées de la République Démocratique du Congo – FARDC) bisher meist nur eine weitere bewaffente Gruppe im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Menschenrechtsgruppen wie Human Rights Watch und Amnesty International listeten die FARDC regelmäßig als eine der Organisationen in der Region mit der schlechtesten Menschenrechtsbilanz. Es gibt viele ausgezeichnet dokumentierte Fälle von Massenvergewaltigungen, Morden und Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch kongolesische Soldaten und Offiziere.

Gleichzeitig war die FARDC bisher trotz ihrer Größe (etwa 150’000 Soldaten) und der Unterstützung mit Waffen, Logistik und Training durch diverse westliche Streitkräfte und die Vereinten Nationen nur selten militärisch erfolgreich. Gleich zwei mal wurde die Armee in den Kongokriegen von den Streitkräften des erheblich kleineren Nachbarlands Ruanda besiegt und konnte im Zweiten Kongokrieg nur deshalb bestehen, weil Einheiten aus Angola und Simbabwe einen großen Teil der Kämpfe schulterten. Im November fegte die wiederum von Ruanda unterstütze Rebellengruppe M23 die Verteidigungslinien der FARDC um die Stadt Goma, eine Metropole an der Grenze mit Ruanda mit mehr als 1.000.000 Einwohnern, beiseite und besetzte die Stadt kurzzeitig. Die FARDC konnte erst wieder einrücken, als diplomatischer Druck die Rebellen zum Rückzug zwang.

The FARDC military police prepare for the opening ceremonies of MEDFLAG 10, Sept. 6, 2010 in Kinshasa, Democratic Republic of Congo. MEDFLAG 10 is a joint training exercise between U.S. and Congolese militaries preparing for medical and civic assistance and mass casualty training.

The FARDC military police prepare for the opening ceremonies of MEDFLAG 10, Sept. 6, 2010 in Kinshasa, Democratic Republic of Congo. MEDFLAG 10 is a joint training exercise between U.S. and Congolese militaries preparing for medical and civic assistance and mass casualty training.

Intakte Versorgungslinien bringen Erfolge an der Front
Dabei werden Einheiten der FARDC seit Jahren von Belgiern, Amerikanern und Einheiten der UN trainiert und logistisch, sowie in der Aufklärung und mit Kampfhubschraubern unterstützt. Bisher zeigte dieses Engagement allerdings wenig Erfolge – zu sehr waren die Strukturen der FARDC durch Korruption, kriminelle Machenschaften der Offiziere und zweifelhafte Loyalitäten vieler ehemaliger, in die Streitkräfte integrierter Rebellen geschwächt.

Daran scheint sich jetzt langsam etwas zu ändern. Bei einer Offensive über die letzten Wochen gegen Stellungen der M23 nahe Goma konnte die FARDC Geländegewinne erzielen und bekam von vielen Beobachtern gute Noten für ihr taktisches Verhalten ausgestellt. Jason Stearns, ein ehemaliges Mitglied der UN Expertengruppe für den Kongo, führt diesen Wandel vor allem auf straff organisierte Versorgungslinien und einen Wechsel im “Management””der Truppe zurück (Jason Stearns, “Is the Congolese army getting better?“, Congo Siasa, 20.07.2013). Nach der Blamage im November letzten Jahres seien viele Offiziere von den Frontlinien zurückgerufen worden, unter ihnen vor allem jene, die laut Aussage eines belgischen Ausbilders den Einsatz von neu geformten Elite-Einheiten “sabotiert” hätten.

Mit der UN in die Offensive
Rückenwind dürfte der FARDC auch geben, dass die UN kurz davor steht, im Ost-Kongo ein radikales neues Konzept der Friedenssicherung zu testen. Als Reaktion auf den Fall von Goma im letzten Jahr erntete die 16’000 Mann starke UN-Friedensmission im Kongo (MONUSCO) viel Kritik: die mit Panzern und Kampfhubschraubern ausgestattete Truppe sah tatenlos zu, wie die Frontlinie kollabierte und die M23 in die Stadt einmaschierte. Die Kritik war nicht immer fair und angemessen: die MONUSCO war an ein restriktives Mandat gebunden, das ihr eigenständige offensive Aktionen nicht erlaubte. Die Rebellen waren wiederum so klug, UN-Einheiten nicht anzugreifen. Damit konnte sich die MONUSCO nach der Flucht der FARDC nicht mehr in die Kämpfe einschalten.

A FIB Tanzanian artillery specialist is adjusting his aim during training in Sake. Photo: Sylvain Liechti / MONUSCO / 17.07.2013.

A FIB Tanzanian artillery specialist is adjusting his aim during training in Sake. Photo: Sylvain Liechti / MONUSCO / 17.07.2013.

Derart mit den Grenzen der bisherigen Praxis bei Friedensmission konfrontiert und nach erheblicher politischer Lobbyarbeit durch mehrere afrikanische Staaten, beschloss der UN Sicherheitsrat daraufhin ein neues Mandat. Zusätzlich zu den schon jetzt im Ost-Kongo stationierten MONUSCO-Einheiten soll in Zukunft eine UN-Interventionsbrigade in der Region agieren. Diese “Force Intervention Brigade” (FIB), gestellt vor allem von Streitkräften aus Tansania, Südafrika und Malawi, darf offensiv gegen Rebellengruppen vorgehen und soll vor allem die M23 und die FDLR (eine ruandische Rebellengruppe, seit Mitte der 90er Jahre im Kongo aktiv) bekämpfen.

Sollte das Interventions-Modell, mit dem die UN im Kongo experimentiert, Erfolg haben, könnte das einen Paradigmenwechsel für die Peacekeeping-Missionen der UN weltweit nach sich ziehen. Dabei ist es kein Zufall, dass dieses für die UN neue Modell in Afrika ausgetestet wird. Die Friedensmission in Somalia, die unter der Aufsicht der Afrikanischen Union steht, arbeitet schon länger mit erheblich offensiveren Strategien als die UN bisher bei eigenen Missionen toleriert hat. Afrikanische Staaten scheinen außerdem willens, die Risiken einzugehen, die mit einer offensiven Mission einhergehen – tote Soldaten sind für europäische Regierungen viel schwerer politisch zu verkaufen, als für die Verantwortlichen in Pretoria und Kampala.

Ähnlich wie in Somalia könnte die neue militärische Dynamik auch einer politischen Lösung für die anhaltenden Konflikte im Osten des Kongos Aufwind geben. Ob das am Ende gelingt, muss sich aber noch zeigen. Zwei Jahrzehnte Bürgerkrieg und eine komplizierte regionale politische Situation sind mehr als nur ein normaler Härtetest, sowohl für die erstarkende Armee des Kongo selbst, als auch für neue Konzepte des Peacekeepings.

Weitere Informationen
Die neu geformte “Force Intervention Brigade” (FIB) bei einer Übung in der nähe ihrer Basis in Sake, rund 25 km westlich von Goma:

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4 Responses to Intervention und Versorgung – Das Kriegsglück im Ostkongo ändert sich

  1. Pingback: Informationsstelle Militarisierung (IMI) » Kongo: Pilotprojekt UN-Offensive?

  2. Trotz Verhandlungen kommt es zwischen der kongolesischen Armee und der M23 zu Kämpfen im Umfeld der Stadt Goma. Auf War is Boring veröffentlichte David Axe einige aktuelle Fotos von Joseph Kay von der Frontlinie.

    FARDC infantry carry an injured man a couple of hundred meters from the front line on a makeshift stretcher. Very rudimentary medicine — a tourniquet for his gunshot leg and an injection for pain relief. They had to carry him around three kilometers back to where the doctor tended to him (Photo: Joseph Kay).

    FARDC infantry carry an injured man a couple of hundred meters from the front line on a makeshift stretcher. Very rudimentary medicine — a tourniquet for his gunshot leg and an injection for pain relief. They had to carry him around three kilometers back to where the doctor tended to him (Photo: Joseph Kay).

  3. Bei heftigen Gefechten mit der Rebellenmiliz «M23» ist im Osten der Demokratischen Republik Kongo ein Blauhelmsoldat getötet worden. Drei weitere Blauhelme seien bei dem Einsatz der UNO-Mission zur Unterstützung der kongolesischen Armee gegen die Aufständischen nahe der umkämpften Stadt Goma verletzt worden. — “Blauhelmsoldat bei Kämpfen im Ostkongo getötet“, news.ch, 29.08.2013.

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