Israels maritime Aufrüstung im Rennen um das Mittelmeergas

von Niklas Anzinger. Niklas Anzinger hat an der Universität Bayreuth Philosophy & Economics (B.A.) studiert. Er arbeitet derzeit beim American Enterprise Institute in Washington D.C. und wird ab August 2013 International Security & Development an der Syracuse University studieren.

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Israelische Marinesoldaten nach der erfolgreichen Schlacht an der Rumani Küste gegen die ägyptische Marine, am 11. Juli 1967 eine Woche nach dem Sechstagekrieg im Heimathafen. Am oberen Mast das Siegessymbol – ein Besen. (Quelle: Israel Defense Forces)

Am 30. März 2013 lieferte das Tamar-Feld vor Israels Nordküste das erste Mal Erdgas an eine neu errichte Anlage an der Küste von Ashdod zur Nutzung für den heimischen Energiemarkt. Am gleichen Wochenende kündigte die israelische Marine neue Rüstungsprojekte in Höhe von 760 Millionen US-Dollar an. Diese sollen  der Verteidigung von Israels Offshore-Plattformen dienen. Mit den Öl- und Gasfunden im Levantine-Becken addieren sich daher für Jerusalem die Gründe, eine über reine Küstenverteidigung hinausgehende Marinepräsenz im östlichen Mittelmeer aufzubauen.

Israels Marine: Kleiner Bruder des Heeres
Der Fokus israelischer Verteidigung ist seit der Invasion seiner arabischen Nachbarn im Jahre 1948 traditionell auf die Landgrenzen gerichtet. Die Marine der Israel Defense Forces (IDF) konnte den 190km-langen Streifen westlich zu Lande im östlichen Mittelmeer oft zur Küstenlandung in  Bodenoperationen nutzen – so im Unabhängigkeitskrieg 1948 bis zur Sinai-Kampagne im Jahre 1956, dem darauf folgenden Sechstagekrieg 1967 und dem Jom Kippur-Krieg mit Ägypten 1973 – aber die israelische Luftwaffe und das Heer, berühmt-berüchtigt für die hohe Flexibilität, Schnelligkeit und Manövrierfähigkeit seiner Truppen, waren ausschlaggebend für den Erfolg.

To this day, Israel’s maritime strategy remains largely an afterthought. For many years, Israel’s navy has been the country’s least visible military service. The country’s most recent effort to craft a new national security strategy, in 2006, did not include a significant maritime component. As a result, Israel has no comprehensive vision, goals, or policy for maritime and naval issues.  (Quelle: Ehud Eran und Yaval Zuv, “Israel’s Missing Naval Strategy”, Foreign Affairs, 19. März 2013)

Es gibt allerdings gute Gründe für maritime Verteidigung, wie Israels erster Premierminister David Ben-Gurion im Jahre 1950 betonte: “Wer unsere geografische Realität und dessen ökonomische und politische Bedeutung versteht, der wird sich der Bedeutung von Seemacht für unsere Existenz schnell bewusst werden.” (Quelle: Ibid.) Dieses Zitat scheint heute aktueller denn je.

Die Notwendigkeit strategischer Autonomie für Israel
Israels zentrale sicherheitspolitische Doktrin ist autonome Selbstverteidigung. Die Abwehr jedweder Bedrohungen gegen Israels Existenz und die Sicherheit seiner Bürger muss unabhängig von den Entscheidungen anderer Staaten jederzeit alleine gewährleistet werden können. Daran ist nichts ungewöhnlich, aber in einer äußerst volatilen Region, in der ständig Regime stürzen, terroristische Bedrohungen auftauchen und Israel konsequent als Missetäter gebrandmarkt wird, wird die Aufrechterhaltung dieser Doktrin immer wieder aufs Neue auf die Probe gestellt. Die USA haben sich in kritischen Momenten meist an Israels Seite gestellt und die Beziehungen der Länder sind von tiefer Zuneigung geprägt, dennoch können die kurzfristigen Interessenlagen, die Experteneinschätzungen von Bedrohungspotenzialen und die Beziehungen zentraler Entscheidungsträger untereinander variieren.

Das Nuklearwaffenprogramm Irans ist die größte Bedrohung für die effektive Aufrechterhaltung dieser Doktrin. Aus diesem Grunde erhält sich Israel nukleare Zweitschlagkapazität über die nuklearwaffenfähigen Dolphin-U-Boote aufrecht, wie Sebastian Bruns erklärt:

Folglich ist angesichts der existenziellen Bedrohung, der sich die jüdische Nation durch die Vernichtungsrhetorik aus Teheran gegenübersieht, ein Abschreckungspotenzial von ganz erheblicher Bedeutung. Wenn die Frage der nuklearen „Dolphins“ jetzt lanciert wird, so hat das genau diesen Grund: Den Gegner im Unklaren darüber lassen, ob man die Fähigkeit besitzt, auf konventionelle oder gar nukleare Angriffe mit einem nuklearen Vergeltungsschlag zu antworten. (Quelle: Sebastian Bruns, “Die Scheinheiligkeit der Debatte über die U-Boote für Israel”, Deutschlands Agenda, 8. Juni 2012)

Aber das ist nur eine Komponente der Verteidigung gegen den Iran, während für die maritime Aufrüstung vor allem die veränderte geopolitische Lage durch die Öl- und Gasfunde ausschlaggebend ist (sonst könnte die Aufrüstung auch auf Israels U-Boot Flotte beschränkt bleiben). Mein Kollege Felix Seidler machte mich außerdem darauf aufmerksam, dass die Dolphins auch mit konventionellen Marschflugkörpern ausgestattet werden können. Das würde den U-Booten im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Iran weitere strategische Tiefe geben.

Geopolitische Trends im Mittelmeer

Tamar, The Natural Gas Production Platform Off The Israeli Coast, Is To Begin It's Natural Gas Production

Megastruktur – Die Bohrinsel über dem Tamar-Gasfeld vor Israels Nordküste (Photo by Albatross via Getty Images)

Die Funde erlauben Israel einen international wettbewerbsfähigen Energiesektor aufzubauen, der Israels Energiekonsum auf Jahrzehnte decken und Exporterlöse im Milliardenbereich bringen könnte (nach derzeitigem Marktwert würde das Erdgas 240 Milliarden Dollar bringen, aber mit solchen Zahlen muss man vorsichtig umgehen). Die Anlagen des Energiesektors werden alsbald die Qualität von “kritischer Infrastruktur” annehmen, d. h. eine zentrale Stellung für die Wirtschaftskraft des Landes, welche durch terroristische Angriffe verletzend getroffen werden kann.

Für den Weltmarkt werden die Funde verglichen mit dem globalen Schockpotential des Südchinesischen Meers oder dem Persischen Golf limitierte Bedeutung haben. Allerdings hat das Levantine-Becken im östlichen Mittelmeer strategisch betrachtet Vorteile, die markttechnisch ausschlaggebend werden können: geografische Nähe zu den energiehungrigen Volkswirtschaften Europas und Israels innovationsfreundlichen High-Tech-Sektor, durch den die Exploration, Produktion und der Transport von Erdgas schnell an veränderte Marktbedingungen angepasst werden kann; etwa durch Flüssiggastechnologie (LNG), durch die das Gas mit Schiffen an zahlungskräftige Käufer weltweit lieferbar wird.

Aus diesen Gründen wird wiederum die maritime Sicherheitskomponente an Bedeutung gewinnen. Israel betreibt 98% seines Handels über Schifffahrtswege im Mittelmeer und seine zukünftige kritische Infrastruktur wird ins Visier der raketentechnisch ausgerüsteten Hamas im Gazastreifen und der Hisbollah im Libanon geraten. Die zentrale geostrategische Herausforderung für Israel wird demnach sein, das kommende Energieproduktionszentrum effektiv und mit größtmöglicher militärischer Souveränität verteidigen zu können, um das goldene Ziel Energiesicherheit zu erreichen. Hierfür wird Israels Marine eine größere Bedeutung einnehmen als jemals zuvor.

Israels kommende maritime Aufrüstung
Aus diesen Gründen beantragte die Marine eine Aufstockung seiner Kapazitäten primär in drei Bereichen: Luftverteidigung zur See, Seekontrolle/-sicherung und Schnelleinsatzkräfte.

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Israelische Marinesoldaten mit einer Bohrinsel im Hintergrund auf einem Patrouillenboot 24km westlich der Hafenstadt Ashdod. (Quelle: REUTERS/Amir Cohen)

In Bezug auf Luftverteidigung zur See muss die israelische Marine auf direkte Angriffe durch Raketen aus dem syrischen Arsenal oder auf Selbstzerstörung angelegte Schiffsangriffe durch die Hisbollah oder Hamas eingestellt sein.  Das Paket an Forderungen umfasst daher u.a. vier 1.200 Tonnen-schwere Ausdauer-Kriegsschiffe mit defensiven Raketenabwehrsystemen, um gegen Produktionsplattformen gerichtete Anti-Schiffs-Raketen abzufangen (die IDF machte keine näheren Angaben, sprach aber von acht bis neun ausländischen Firmen als Anbietern). Die Bohrinsel auf dem Tamar-Gasfeld in der Nähe zu Libanons maritimen Territorium soll außerdem mit Barak-8-Raketen ausgestattet werden, um Yakhont-Raketen abzufangen, die von Russland an Syrien geliefert wurden und in die Hände der Hisbollah geraten könnten (durch die jüngsten militärischen Erfolge der Hisbollah in Qusayr, Syrien, wird das immer mehr zur Gefahr). Russlands Lieferungen von S-300 Luftverteidigungssystemen und –raketen an Basher al-Assad in Syrien war ebenfalls ein Thema, da Israel an Luftschlägen gehindert werden könnte, um Waffenlieferungen zu verhindern. Aber Russland kann laut dem israelischen Verteidigungsminister Moshe Yaalon anscheinend nicht vor 2014 liefern.

Maritime Kontrolle und Sicherung werden von zentraler Bedeutung sein. Die Israel Aerospace Industries (IAI) stellten ein Multiple-Intelligence-Konzept vor, welches eine umfassende Überwachung durch eine vernetzte Kommunikation von Kommando und Kontrolle von Israels exklusiver ökonomischer Zone (ein Begriff im Seerecht der Vereinten Nationen, der eine 200km-Zone für die Exploration von Ressourcen und anderen ökonomischen Tätigkeiten vorsieht) garantieren soll. Neben illegaler Migration, Drogenhandel und Piraterie hat Kontrolle vor allem das Ziel Waffenlieferungen des Iran über das Rote Meer an die Hamas oder die Hisbollah zu verhindern (Port Sudan, den Israel schon im Jahre 2009 wegen Waffenschmuggleraktivitäten angegriffen hat, könnte für Iran an Bedeutung gewinnen).

Vor allem bekommt die Drohnentechnologie neue Aufmerksamkeit, durch die mehrere maritime Funktionen gleichzeitig übernommen werden könnten. Nur ein Beispiel: der unbemannte Protector, von der staatlichen Waffenfirma Rafael entwickelt, ist operationsfähig und scheint Hoffnungen für die Zukunft mit sich zu bringen. Der Protector ist nicht nur durch Radar- und Sonarsysteme bei Tag und Nacht zur Überwachung fähig, er kann auch mit einem 7,62mm-Maschinengewehr und Anti-Schiff-Raketen ausgestattet werden, was ihn multipel einsatzfähig zur Überwachung des Seeraumes und zum Schnelleinsatz als Abwehr gegen Selbstzerstörungsboote der Hisbollah oder Irans Revolutionsgarden macht.

Ausblick
Israel steht vor einer Reihe von Herausforderungen: die Türkei, Russland und der Iran versuchen im Rennen um das Mittelmeer-Gas aus verschiedenen Gründen Einfluss zu nehmen. Die Türkei ist im Konflikt mit Zypern, welches eigene Gasvorkommen in seiner maritimen Zone liegen hat. Zypern und Griechenland sind Israels erste Wahl als Partner für die Erdgasgewinnung und als strategische Alternative zu den feindlichen arabischen Anrainerstaaten. Als NATO-Mitglied und stärkste Seemacht im östlichen Mittelmeer hat die Türkei erheblichen Einfluss, fährt aber eine befremdliche Machtpolitik, die sich zunehmend gegen Israel und Zypern zu richten scheint. Die US Marine hat erst kürzlich am 14. Mai diesen Jahres den Hafen von Eilat mit dem Flugzeugträger USS Kearsarge besucht und signalisiert damit Aufmerksamkeit über Irans Aktivitäten im Roten Meer.

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Ein Boot der türkischen Küstenwache (l.) eskortiert den russischen Zerstörer Smetlivy im Bosporus, Istanbul, 2012. (Quelle: Murad Sezer/Reuters)

Israel kann sich auch in Zukunft der Aufmerksamkeit der USA und besonders der US Marine sicher sein, muss aber seine Verteidigung alleine tragen können. Aber die Syrienkrise zieht die Aufmerksamkeit von Russland und dem Iran auf sich, die Israel nicht dauerhaft alleine in Schach halten kann – vor allem mit einer außenpolitisch unberechenbaren türkischen Administration. Aus diesem Grund sollte das östliche Mittelmeer als NATO-Einflusssphäre gesehen werden, für die neue strategische Überlegungen anstehen. Ein zukünftiges Energieproduktionszentrum im östlichen Mittelmeer kann für einige europäische Länder eine Reduzierung der Abhängigkeit von russischen Energielieferungen werden, dessen immer selbstbewussteres militärisches Auftreten in Form einer „neuen Mittelmeerflotte“ eine klare Sprache spricht, was die Ernsthaftigkeit russischer Interessensvertretung angeht. Angesichts der zahlreichen Konflikte im Nahen Osten sollten vor allem die europäischen NATO-Mitgliedsländer ihre reservierte Haltung zu Israel  überdenken und mehr sicherheitspolitischer Eigenverantwortung übernehmen.

In Hinblick auf Israels Konflikt mit dem Libanon um maritime Grenzen, dem diplomatischen Fiasko mit der Türkei (bei dem Abzuwarten bleibt, ob sich die Beziehungen normalisieren) oder dem Türkei-Zypern-Konflikt ist Neutralität die beste Idee, da die Akteure miteinander leben müssen und daher auch Konflikte unter sich regeln können sollten. Klare Grenze für die NATO sollte allerdings ein Eingreifen der Türkei in Israels und Zyperns legitime Erdgasexploration sein. Der türkischen Administration muss klargemacht werden, dass ein solcher Fall den Bündnisinteressen widerspricht, beispielsweise durch Einbindung Israels in NATO-Marineübungen, wie bereits im April 2012 im Verbund mit Griechenland und den USA geschehen. Der Iran ist eindeutig nicht an Frieden und Stabilität in der Region mit einem existierenden jüdischen Staat Israel interessiert und ist daher als klar feindlich zu betrachten. Russland ist ein komplizierter Fall – aber mit der Stationierung einer neuen Mittelmeerflotte ist eine Grenze überschritten, die mit einer entsprechenden Marinepräsenz kenntlich gemacht werden soll.

Die USA und die NATO sollten daher im Verbund mit Israel eine permanente Präsenz am Hafen in Haifa aufbauen, von wo aus Aktionen in Bezug auf die Syrienkrise und Irans Aktivitäten koordiniert werden und eigene Interessensvertretung gegenüber Russland signalisiert werden kann.

About Niklas Anzinger

Niklas Anzinger hat an der Universität Bayreuth Philosophy & Economics (B.A.) studiert. Er studiert derzeit International Security & Development an der Maxwell School in Syracuse, New York.
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2 Responses to Israels maritime Aufrüstung im Rennen um das Mittelmeergas

  1. Pingback: Änderungen im Autoren-Team / Changes to the team of authors | Offiziere.ch

  2. Ein weiterer interessanter Artikel von Niklas Anzinger zum gleichen Thema:

    […] Moscow’s interests [in the Eastern Mediterranean] are growing. The discovery of large amounts of natural gas in the Levant Basin may play a role. Israel and Cyprus are moving to exploit offshore natural gas fields, and many analysts suspect more gas lies off Lebanon’s coast. The Kremlin may see the region as an alternative to its own supply chain to energy-hungry Europe and the world market for liquefied natural gas (LNG). Russia already is the largest exporter of LNG to emerging Asian economies, and may not be willing to forfeit its position by taking a hands-off approach to the development of nearby fields. — Niklas Anzinger, “Eastern Mediterranean: New Cold War front?“, American Enterprise Institute, 18.07.2013.

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