Nach dem Kalten Krieg ist vor dem Kalten Krieg 03

ground based interceptor missiles at the missile defense site at Ft. Greeley near Fairbanks, Alaska Sunday Aug. 27, 2006Die USA will ein strategisches Raketenabwehrsystems in Polen und Tschechien stationieren. Unter der Bush-Administration führte dieses Vorhaben zu Spannungen zwischen den USA und Russland. Mit dem Führungswechsel in Washington ist dieses Vorhaben noch nicht (gänzlich) vom Tisch. Barack Obama liess an der 45. Münchner Sicherheitskonferenz mitteilen, dass eine Realisierung des Raketenabwehrsystems in Absprache mit der NATO und Russland vorgenommen würde. Gemäss einem Artikel der New York Times vom Montag will Obama ein Abrücken von den Plänen in Osteuropa mindestens aussenpolitisch ausnützen, in dem sich Russland im Gegenzug verpflichten müsste, die US-amerikanische Iran-Politik zu unterstützen. Von offizieller Seite versichert die USA, dass das Raketenabwehrsystem gegen ballistische Raketen aus “Schurkenstaaten” schützen soll. Trotzdem, Russland sieht das US-amerikanisch Raketenabwehrsystem als Bedrohung. An der 45. Münchner Sicherheitskonferenz vertrat der russische Vizeregierungschef Sergej Iwanow noch einmal die Sichtweise, dass sich das geplante US-Raketenabwehrsystem in Europa gegen das Atompotenzial Russlands richte:

“Der dritte Raketenschild ist nicht nur ein Dutzend Gegenraketen und ein Radar. Das ist ein Teil der amerikanischen strategischen Infrastruktur, die gegen das russische Atom- und Raketenpotenzial gerichtet ist.” — Sergej Iwanow zitiert auf RIA Novosti.

Die russische Sichtweise ist geprägt vom (aus russischer Sicht) offensive US-amerikanischen Verhalten während des Kalten Kriegs. Während 50 Jahren wurde das US-amerikanische Nukleararsenal darauf ausgerichtet, einen nuklearen Angriff auf die USA abzuschrecken und einen Krieg mittels einem preemptiven nuklearen Erstschlag gewinnen zu können (Quelle: Keir A. Lieber und Daryl G. Press, “The Rise of U.S. Nuclear Primacy“, Foreign Affairs, März / April 2006). Die USA besassen nicht nur als erste die Atombombe (die erste sowjetische Atombombe wurde im August 1949 gezündet), sondern sie setzten diese Waffe auch tatsächlich ein. Ein Grund für diesen Einsatz war unter anderem eine Machtdemonstration gegenüber der Sowjetunion, um damit die Nachkriegspolitik entscheidend zu gestalten.

Ground Based Early Warning Radar at Thule Air BaseEinige US-amerikanische Projekte waren aus heutiger Sicht nicht sehr vertrauensbildend. Bei einem nuklearen Erstschlag spielt Zeit eine bedeutende Rolle, denn je weniger Zeit der Gegner zum Reagieren hat, um so kleiner ist die Wahrscheinlichkeit eines gelungenen nuklearen Zweitschlags. Die kürzeste Strecke, um mit US-amerikanischer Nuklearraketen die sowjetischen Entscheidungszentren lahm zu legen, verläuft über das Gebiet der Arktis. Bereits 1941 hat sich die USA nach der deutschen Besetzung Dänemarks durch den dänische Gesandte in den USA, Henrik Kauffmann das Recht absichern lassen, US-amerikanischen Basen auf Grönland errichten zu können. Darauf folgte am 1951 die Thule Air Base, auf der sich unter anderem Radaranlagen von NORAD befinden, um einen sowjetischen Angriff über den Nordpol frühzeitig erkennen zu können. Ausserdem verfolgten die USA in den 1950er Jahren bis 1966 ein Projekt zur Stationierung von Atomwaffen unter dem arktischen Eis (Project Iceworm) – ohne dass Dänemark etwas davon wusste. 1958 stationierten die USA vor den Toren der Sowjetunion Mittelstreckenraketen in der Türkei (ebenso in Grossbritannien und Italien), was nebst dem Schutz des kommunistischen Kubas vor einen US-amerikanischen Übergriff ein Grund für Nikita Sergejewitsch Chruschtschow’s Entscheid war, ebenfalls Mittelstreckenraketen vor den Toren der USA – auf Kuba – aufzustellen. Entscheidend für die friedliche Beilegung der Krise lag darin, dass im Hintergrund über Robert F. Kennedy zwischen John F. Kennedy und Chruschtschow eine geheime Abmachung getroffen wurde: die USA garantierten, dass keine Invasion auf Kuba unternommen wird und die Mittelstreckenraketen aus der Türkei abgezogen werden – die Sowjetunion im Gegenzug entfernt die Mittelstreckenraketen aus Kuba und garantiert Stillschweigen über die Abmachung. Daraufhin wurde die letzte US-amerikanische Mittelstreckenrakete im April 1963 aus der Türkei abgezogen.

Nach einer Entspannung zwischen 1963 und 1978, die sich stark auf die Zweitschlagskapazität der Grossmächte stützte (MAD), kam es zwischen den USA und der Sowjetunion zu einem erneuten Wettrüsten. Die Stationierung sowjetischer SS-20 – als Antwort auf stetig erweiterten Beständen französischer und britischer Mittelstreckenraketen – führte zum NATO-Doppelbeschluss auf deren Grundlage die USA zwischen 1983-1987 Pershing II – Raketen und Marschflugkörpern in Westeuropa stationierten. Auch wenn der NATO-Doppelbeschluss auf Reaktion sowjetischer Aufrüstung entstanden war, erinnern die Stationierung von Abfangraketen in Polen und Tschechien die russischen Politiker und Militär an diese schwierige Zeit des Kalten Kriegs und an das wirtschaftliche Auseinanderbrechen der Sowjetunion in Folge dieser letzten Rüstungsspirale. (vgl.: Stefan Gehrold, “Tschechien: Auseinandersetzung um Raketenschirm” in “Raketenbawehr in Europa – die Diskussion in den USA, Tschechien, Polen und Russland“, Diskussionspapier der Konrad-Adenauer-Stiftung, August 2007, 11).

“If American nuclear power is to support U.S. foreign policy objectives, the United States must possess the ability to wage nuclear war rationally. [..,] [Strategists] can claim that an intelligent U.S. offensive strategy, wedded to homeland defenses, should reduce U.S. casualties to approximately 20 million [...]. A combination of counterforce offensive targeting, civil defense, and ballistic missile and air defense should hold U.S. casualties down to a level compatible with national survival and recovery. [...] No matter how grave the Soviet offense, a U.S. president cannot credibly threaten and should not launch a strategic nuclear strike if expected U.S. casualties are likely to involve 100 million or more American citizens. [...] The current U.S. deterrence posture is fundamentally flawed because it does not provide for the protection of American territory.” — Colin S. Gray und Keith Payne, “Victory is Possible“, Foreign Policy, Sommer 1980, 14-27.

Das Ende des Kalten Kriegs wirkte sich auf das US-Militär und die Rote Armee bzw. auf die russischen Streitkräften unterschiedliche aus. Die US-Armee erfuhr einen Modernisierungsschub, nicht zuletzt durch den erfolgreichen Golfkrieg zur Befreiung Kuwaits. Auch das nukleare Arsenal wurde qualitativ verbessert. Die nuklearen Sprengköpfe auf den U-Booten wurden (zusätzlich zu den bereits bestehenden landgestützten und für die strategischen Bomber vorgesehenen nuklearen Sprengköpfe) dermassen abgeändert, dass sie besser gegen harte Ziele, wie zum Beispiel gegnerische Raketensilos eingesetzt werden können. Diese kostspieligen Modernisierungen machen nur dann Sinn, wenn das Pentagon an einer Erstschlagskapazität festhalten will. (Quelle: Keir A. Lieber und Daryl G. Press, “The Rise of U.S. Nuclear Primacy“, Foreign Affairs, Tomahawk Missile LaunchMärz / April 2006). Heute verfügt die US Armee über 53 US-amerikanische Atom-U-Boote (46 der Los-Angeles-Klasse, 3 der Seawolf-Klasse und 4 der Virginia-Klasse, bestückt mit Tomahawk-Marschflugkörpern), welche die USA überraschend – beispielsweise aus der arktischen Region – zum Einsatz bringen könnten (Quelle: The Military Balance, 109:1 (2009)).

Was hat das russische Militär dem entgegenzusetzen? Im Gegensatz zur USA erfuhr bereits die Rote Armee, aber auch die russischen Streitkräfte nach dem Ende des Kalten Krieges einen Zerfallsprozess, der bis in die heutige Zeit Spuren hinterlassen hat. Nach dem Kalten Krieg wurde die Überwachung des arktischen Gebietes (immerhin befindet sich die Hälfte der 40,000 km russischer Seegrenze im arktischen Raum) komplett aufgegeben und wird erst frühestens ab 2010 wieder möglich sein (ARKTIKA). Auch die Radarüberwachung des pazifischen Ozeans ist so gut wie nicht vorhanden (Quelle: Keir A. Lieber und Daryl G. Press, “The Rise of U.S. Nuclear Primacy“, Foreign Affairs, März / April 2006). Erst seit 2001 verfügt Russland wieder über eine Marinedoktrin – die russische Marine ist jedoch trotz anderen Verlautbarungen aus Moskau in einem katastrophalen Zustand, welche eigentlich keiner Grossmacht entspricht:

“Die russische Marine ist im gegenwärtigen [(Ende 2008)] Bestand nicht in der Lage, über eine punktuelle Präsenz von Flottenkräften in weltweit strategisch wesentlichen Regionen dauerhaft Flagge zu zeigen. Der Niedergang der Flotte über mindestens ein Jahrzehnt war so gravierend, dass sich die Zahl der Kampfschiffe allein zwischen 1990 und 2001 von 428 auf 273, die Anzahl Schiffe zum Gefechtsdienst in See sich von 210 auf 28 und der Personalbestand von 424.000 Mann auf 169.000 reduzierte. Aufgrund des faktisch ausbleibenden Zulaufs neuer Kampf- und auch Hilfsschiffe begann ein Überalterungsprozess der Flotte, der bis heute andauert.” — Egbert Lemcke von der Dresdner Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik e. V. (DSS) in einem Interview auf heute.de.

Seit Ende des Kalten Krieges hat Russland 39% weniger strategische Bomber, 58% weniger Interkontinentalraketen und 80% weniger strategische U-Boote einsatzbereit (Quelle: Keir A. Lieber und Daryl G. Press, “The Rise of U.S. Nuclear Primacy“, Foreign Affairs, März / April 2006). Gemäss Lemcke besitzt die USA derzeit sogar die Möglichkeit mit rein konventionellen Mitteln einen Enthauptungsschlag gegen die russische Führung durchzuführen. Diese strategische Bedrohung gleicht Russland derzeit noch durch seine (theoretische) Zweitschlagsfähigkeit aus. Langfristig will Russland ein System der eigenen Luftverteidigung und Raketenabwehr wiederherstellen, aber bis dahin würde aus russischer Sicht die Errichtung eines mehrstufigen US-amerikanischen Raketeanbwehrschilds ihre Zweitschlagsfähigkeit aushebeln (vgl. Otfried Nassauer, “USA-Raketenabwehr: Moskau hat allen Grund, beunruhigt zu sein“, AG Friedensforschung an der Uni Kassel, 28.10.2008.). Die erste Stufe käme dabei im osteuropäischen Raum zum Einsatz (Polen mit min. 10 Abwehrraketen und Tschechien einer Radarstation), die zweite Stufe im pazifischen und atlantischen Ozean (zur Zeit 18 seegestützte Raketen des Aegis-Systems auf Kreuzern und Zerstörern) und die dritte Stufe vom US-amerikanischen Festland aus (zur Zeit 16 bodengestützte Abfangraketen in Fort Greely, Alaska und Vandenberg, Kalifornien) (vgl.: Ilja Kramnik, “Warum Moskau so nervös ist“, AG Friedensforschung an der Uni Kassel, 31.07.2008). Wichtig ist zu erkennen, dass Moskau weniger die momentanen (eher dürftigen) Fähigkeiten dieses Abwehrschilds fürchtet, sondern das langfristige Weiterentwicklungspotential. Um langfristig den Grossmachtstatus wahren zu können, wäre Russland zu einer kostspieligen (ruinösen) Aufrüstung gezwungen.

“This system would be able to start working within 20 years and the current crisis with Iran might be resolved by then, whereas the infrastructure would be already there to stay beyond the reason or excuse [for why] it is now being built. There is no guarantee that the system won’t be used against Russia. […| Russia’s so-called launch under the attack capability will become insufficient and this would tilt the balance and what makes Russia concerned that it may be blackmailed.” — Ivan Safranchuk, head of the Moscow branch of the Center for Defense Information, a US think tank, told ISN Security Watch.

Eine weitgehende gegenseitige Abrüstung der Atomwaffen, jedoch mit der Aufrechterhaltung einer russischen Zweitschlagsfähigkeit könnte nicht nur vertrauensbildend wirken, sondern das russische Bedrohungsempfinden gegenüber der USA mindern (ungelöst würde jedoch das russische Bedrohungsempfinden gegenüber China bleiben). Mit der Gewährleistung einer russischen Luftraumüberwachung über der Arktis, der Stärkung der russischen Marine und womöglich bei der amerikanisch-russischen Zusammenarbeit, könnte ein gemeinschaftliches Raketenabwehrschild mittelfristig trotzdem zustande kommen. Eric Edelmann, Under Secretary of Defense for Policy sieht dementsprechend ein Teil der Herausforderung das US Raketenabwehrsystem den Russen schmackhaft zu machen darin, deren Rüstungskontrolldenken als Ganzes zu verändern. Die Sicherheit der Staaten auf der Welt soll nicht durch eine gegenseitige nukleare Abschreckung durch offensive Waffen, sondern durch defensive Systeme erreicht werden. (Quelle: Nobert Wagner und Roman Sehlig, “Raketeanbwehr – die Position der USA” in “Raketenbawehr in Europa – die Diskussion in den USA, Tschechien, Polen und Russland“, Diskussionspapier der Konrad-Adenauer-Stiftung, August 2007, 5).

“Effective missile defenses are critical to protect America from rogue regimes like North Korea that possess the capability to target America with intercontinental ballistic missiles, from outlaw states like Iran that threaten American forces and American allies with ballistic missiles, and to hedge against potential threats from possible strategic competitors like Russia and China.” — John McCain auf seiner Wahlkampfwebsite (Original nicht mehr online), 05.12.2007.

Weitere Informationen

Bildverzeichnis
Oben links: Lt. Gen. Trey Obering, USAF, left, shows Defense Secretary Donald H. Rumsfeld one of the ground based interceptor missiles at the missile defense site at Ft. Greeley near Fairbanks, Alaska Sunday Aug. 27, 2006. (AP Photo/Robert Burns )
Oben rechts: Ground Based Early Warning Radar at Thule Air Base
Mitte rechts: A BGM-109 Tomahawk cruise missile is launched from its Mark 41 vertical launch system aboard the destroyer USS Fife (DD-991) during Operation Desert Storm (Photo: Mark D. Cooper/Corbis, 17.01.1991)

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4 Responses to Nach dem Kalten Krieg ist vor dem Kalten Krieg 03

  1. Im Nachhinein noch aufgeschnappt:

    Last year, Russia temporarily based a pair of Tu-160 bombers at an airbase in Venezuela in a carefully-choreographed display of force regarded by as a warning message to the United States. Each aircraft is capable of carrying 12 cruise missiles that can be fitted with nuclear warheads. — “Venezuela offers use of air base to Russia: Chavez“, Space War, 15.03.2009.

  2. Pingback: Offiziere.ch » Obama gibt Raketenabwehrschild-Pläne auf – beinahe!

  3. Betreffend der logistischen Versorgung der Thule Air Base wurden auch sogenannte “Overland Trains”, beispielsweise den U.S. Army TCC-1 (Mk.1) eingesetzt. Der grösste je gebaute Overland Train war der U.S. Army TC-497 “Mk. II” (siehe Bild unten), der 1962 der US Army übergeben wurde, jedoch nur zu Testzwecken im Rahmen des “Project OTTER” (Overland Train Terrain Evaluation Research) eingesetzt wurde. Schliesslich entschied sich die US Army für den Einsatz von schweren Transporthelikoptern, wie beispielsweise dem S-64 Skycrane.

    Steve Weintz hat auf War is Boring einen interessanten Artikel über die “Overland Trains” geschrieben. Betreffend der Kapazität des TC-497 schreibt er:

    Note the scale of its sample cargo: a M-113 fighting vehicle parked crosswise on one car, a bulldozer on another. The TC-497 was twice the width of an 18-wheeler. This Overland Train could conceivably carry a helipad, a company of soldiers and their weapons, a Patriot missile battery and all the stuff needed to set up base camp. The TC-497′s payload was only 150 tons (five semis’ worth) but could be increased by adding cargo cars, power cars and fuel tenders. Company Historian Dale Hardy, based at the R.G. LeTourneau Heritage Center, said the TC-497 was built of aluminum for performance and would need to be redesigned for today’s MRAP requirements.

  4. Pingback: NATO Gipfel in Lissabon | Offiziere.ch

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