Brasilien als neuer maritimer Machtfaktor?

von Felix F. Seidler. Felix F. Seidler ist freier Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität in Kiel und Administrator von Seidlers Sicherheitspolitik. Dieser Artikel wurde dort als erstes veröffentlicht.

Wirtschaftswachstum bricht ein, aber Geld für den Bau eines Atom-U-Boots ist da. Dabei ist der Zweck von Brasiliens maritimer Aufrüstung rein politischer Natur. Ein schwieriges Sicherheitsumfeld fehlt. Bildet Brasilien eine maritime Achse mit anderen Rising Powers?

Die NAe São Paulo (die ehemalige französische Foch; Clemenceau-Klasse) lief 1960 vom Stapel und verfügt über einen konventionellen Antrieb. Brasilien erwarb den Flugzeugträger im Jahre 2000 von der französischen Marine für zwölf Millionen US-Dollar (ohne Flugzeuge). Von Mai 2005 bis Anfang 2010 wurde die NAe São Paulo generalüberholt. (Photo: http://www.netmarine.net; Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported).

Die NAe São Paulo (die ehemalige französische Foch; Clemenceau-Klasse) lief 1960 vom Stapel und verfügt über einen konventionellen Antrieb. Brasilien erwarb den Flugzeugträger im Jahre 2000 von der französischen Marine für zwölf Millionen US-Dollar (ohne Flugzeuge). Von Mai 2005 bis Anfang 2010 wurde die NAe São Paulo generalüberholt. (Photo: http://www.netmarine.net; Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported).

Ob Brasilien ein Atom-U-Boot entwickelt und baut, war schon länger Gegenstand von Spekulationen. Die Präsidentin Dilma Rousseff hat den Start eines solchen Projekts nun offiziell bestätigt. In Kooperation mit Frankreich sollen vier konventionell getriebene und ein nuklear getriebenes U-Boot gebaut werden.

Brazil is set to join the select group of countries that have nuclear-powered submarines, President Dilma Rousseff said Friday. (…) “We can say that with these installations we are entering the select club of countries with nuclear submarines: The United States, Russia, France, Britain and China,” said Rousseff. (…) The defense ministry said the first of the four conventional Scorpene-class subs will be delivered to the Brazilian Navy in 2017, while the nuclear-powered vessel will be commissioned in 2023. — “Brazil to get its first nuclear subs“, AFP, 01.03.2013.

Das wichtigste Signal dabei ist, im Grunde fehlt dem Projekt jedwede militärische Relevanz. Gegen wen sollte Brasilien ein Atom-U-Boot (SSN) einsetzen? Im Südatlantik fehlen sowohl Gegner wie Konflikte, die den Bau eines SSN erforderlich machen würden. Die Äußerungen der brasilianischen Präsidentin stellen klar, dass es sich dabei um ein rein politisches Prestigeprojekt handelt, dessen strategischer Nutzen darin zu suchen ist, den Status Brasiliens als “Rising Power” zu untermauern. Nicht zuletzt – den Rhythmus eines in der Werft, eines in Bereitschaft, eines auf See zugrunde gelegt – bedürfte es dreier SSN, damit sich ein militärischer Sinn nachweisen ließe. Die U-Boote sind allerdings nicht das einzige Projekt Brasiliens auf dem zu einer expeditionären, machtprojektionsfähigen Marine.

Maritime Aufrüstungspläne und deren Zweck
Sehr lesenswert zur maritimen Aufrüstung Brasiliens ist die SWP-Studie S21/2011 von Fregattenkapitän Sascha Albrecht. Dort heißt es:

Im Jahr 2009 veröffentlichte die Marine überdies einen umfassenden Beschaffungsplan, der die Grundlage für das Vorhaben bildet, die Zahl der Kriegsschiffe bis 2030 nahezu zu verdoppeln. — Sascha Albrecht, “Seemacht Brasilien?“, Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP Studie S 21 (September 2011), 5.

Geplant sind laut Albrecht bis in die 2030er/2040er Jahre zwei Flugzeugträger, bis zu sechs weitere Atom-U-Boote sowie zweistellige Zahlen von Fregatten/Korvetten und verschiedenster Arten von Versorgen. Würden diese Pläne – betone “würden” – ganz oder teilweise verwirklicht, erhielte Brasilien eine Fähigkeit für expeditionäre Operationen. Der Zweck eines solchen Rüstungsprogramms kann nur politischer Natur sein. Brasilien hat kein Sicherheitsumfeld vor seiner Küste ähnlich des Persischen Golf, des Süd- oder des Ostchinesischen Meeres. Ein Blick auf die Karte des Atlantiks macht deutlich, dass sich das auch niemals ändern wird. In grober Anlehnung an Clausewitz ist Brasiliens Flottenbau die Fortsetzung seins geopolitischen Aufstiegs mit maritimen Mitteln.

Atlantik-KarteUnentbehrliche Grundlage: Wirtschaftlicher Aufstieg
Maritime Rüstungsprogramme sind extrem teuer. Entwicklung, Bau, Import und Unterhalt für maritime Rüstungsprojekte verschlingen mittelfristig schnell zweistellige Milliardenbeträge. Danach folgen durch Training und Operationen noch mehr Kosten, die den Militäretat weiter in die Höhe treiben oder eine Flotte mangels Training und Einsätze verkommen lassen.

Allerdings hat Brasiliens wirtschaftliche Erfolgsstory mit einem Wachstum von nur 0,9 % des BIP 2012 einen herben Dämpfer erlitten. Für 2013 werden “nur” 3,26 % Wachstum vorhergesagt, allerdings bei einer Inflationsrate von über 5 % (Quelle: David Biller, “Brazil Analysts Cut 2013 GDP Forecast, Raise Inflation Call“, Bloomberg, 07.01.2013). Handelt es sich dabei nicht um einen Dämpfer, sondern um das Ende der Erfolgsstory, landen die Flottenpläne Brasiliens schnell im Archiv. Eine schwer prognostizierbare Variable sind allerdings die großen Öl-Vorkommen vor der brasilianischen Küste, aber in sehr großer Tiefe. Im Süden des Landes werden außerdem große Schiefergasvorkommen vermutet (vgl. IP, 68(2), Karte auf S. 16). Gelingt die Förderung und wird Brasilien zum Öl- und Gas-Staat, dürften sich dadurch zumindest Teile des Flottenprogramms umsetzen lassen. Ein völlig offener Faktor ist noch, ob sich in der Tiefsee des Südatlantik Mangan und andere Rohstoffe ähnlich wie im Pazifik finden und abbauen lassen.

Prestige kann als Antriebsfaktor für die Erzeugung politischen Willens gar nicht unterschätzt werden. Brasilien steht mit der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Sommerspielen 2016 für zwei Jahre im Fokus der gesamten Weltöffentlichkeit. Entsprechend viel Arbeit wird die politische Elite darin investieren, dass das Land eine sehr gute Figur abgibt. In der Regel begünstigen solche sportlichen Großereignisse unmittel- und mittelbar auch die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Solange die Weltwirtschaft nicht “crasht”, wird Brasilien wohl seinen Weg zur fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt weitergehen, zumal Frankreich und Großbritannien krisengeplagt bleiben.

Öl-Vorkommen vor Brasiliens Küste (Quelle: Mark. J. Perry, "2010 Was a Very Good Year for New Oil Finds", Carpe Diem, 08.01.2011).

Öl-Vorkommen vor Brasiliens Küste (Quelle: Mark. J. Perry, “2010 Was a Very Good Year for New Oil Finds”, Carpe Diem, 08.01.2011).

Operationen und Kooperation mit anderen Rising Powers
Wenn ein schwieriges Sicherheitsumfeld fehlt, wozu braucht Brasilien denn eine große Flotte? Aufgrund des rein strategisch-politischen Zwecks geht es operativ vor allem um Machtprojektion, Demonstration politischen Willens oder schlicht und ergreifend Schaulaufen. Die Flotte ist dazu da, um sie als Prestigeobjekt zu haben. Denkbar ist auch eine vermehrte Teilnahme an UN-Missionen, Pirateriebekämpfung (Golf von Guinea), Krisenreaktion vor der Küste West- und Südafrikas sowie humanitäre Hilfe, denn Wirbelstürme gibt es jedes Jahr in der Karibik.

Der wichtigste strategische Zweck einer großen brasilianischen Flotte findet sich in der Kooperation mit anderen aufstrebenden Mächten. Auf der Sao Paulo hat Brasilien Chinas Trägerpiloten ausgebildet. Mit Indien und Südafrika werden regelmäßig die sog. IBSAMAR-Manöver durchgeführt. Bildet sich hier eine neue maritime Achse? Für große Symbolpolitik könnte Brasilien seine neuen Schiffe für Hafenbesuche in China oder Indien nutzen, um die Beziehungen mit diesen Ländern auszubauen und vor allem öffentlich darzustellen. Das Gelingen der Rüstungsprojekte vorausgesetzt, warum sollten Brasilien und China als zwei der wichtigsten globalen Mächte nicht ihre Flugzeugträger auf gegenseitige Hafenbesuche schicken? Alleine als prestigepolitisches Signal an den Rest der Welt.

Was kann der Westen tun?
Eine zu enge Anlehnung Brasiliens allen voran an China ist nicht im Interesse des Westens. Allerdings hat Brasilien wenig Sympathie für westliche Präsenz im Südatlantik (vgl. Sascha Albrecht, “Seemacht Brasilien?“, Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP Studie S 21 (September 2011), 6). Aktuell scheint es durch den Sequester eher so zu sein, als dass der US Navy weitere gravierende Einschnitte bevorstehen. Durch die geopolitische Lage bleibt den USA aber keine andere Wahl, als ihre Marine auf den Indo-Pazifischen Raum auszurichten.

Hier kommt die Idee einer transatlantischen Arbeitsteilung ins Spiel. Europäische Länder wie Frankreich, aber auch Deutschland könnten den USA hier Lasten abnehmen und sich um bessere Beziehungen zu Brasilien bemühen. Schließlich hilft Frankreich Brasilien beim U-Boot-Bau und Deutschland unterhält mit Brasilien eine strategische Partnerschaft. Die Bekämpfung der Drogenhandelsrouten über den Atlantik ist ein gemeinsames Interesse, bei dem man ansetzen könnte. Angenehmer Nebeneffekt wäre, dass die eine abgestimmte Arbeitsteilung zwischen den USA und Europa endlich konkret würde.

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