49. Münchner Sicherheitskonferenz (1/2)

Zwischen dem 1. und dem 3. Februar 2012 fand die 49. Münchner Sicherheitskonferenz statt. In einem zweiteiligen Artikel werden die interessantesten Panels und Diskussionen der Konferenz beleuchtet. Im ersten Teil geht es nebst der Eröffnungsrede durch den deutschen Verteidigungsminister, Thomas de Maizière, um den neuen Erdöl- und Erdgas-Boom in den USA sowie den damit verbundenen internationalen Effekten, um die euro-atlantische Sicherheitsgemeinschaft sowie um “Pooling and Sharing” bzw. “Smart Defense“. Im zweiten Teil befassen wir uns mit dem iranischen Atomprogramm, dem Bürgerkrieg in Syrien und der französischen Intervention in Mali.

Eröffnungsrede von Thomas de Maizière.

Eröffnungsrede von Thomas de Maizière.

Der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière glaubt nicht an ein pazifisches Jahrhundert und nannte die Ausrufung des 21. Jahrhundert als das asiatische bzw. pazifische als “intellektuelle Hochstapelei”. Das Interesse der USA am pazifischen Raum sei nicht neu: bereits in der National Security Strategy 2002 der USA sei festgehalten “The United States are a Pacific Nation”. Mit dieser Behauptung lehnte sich de Maizière weit aus dem Fenster, denn dieser Satz sucht man in der National Security Strategy 2002 vergebens. Auch wenn Europa für die USA sicherheitspolitisch nicht gut genug sei, so sei es immer noch der bestmöglichste Partner für die USA. Keine andere Region in der Welt sei so stabil, so handlungsfähig und so zuverlässig wie Europa. Die NATO sei, 64 Jahre nach ihrer Gründung, die einzige multilaterale Organisation, die weltweit zu einem schnellen militärischen Eingreifen in der Lage sei und keine andere Macht weltweit komme an die Stärke der NATO heran. Da jedoch die finanziellen Ressourcen begrenzt seien, müssten insbesondere die europäischen Streitkräfte in der NATO ihre Leistungsfähigkeit steigern. Dazu müssten die nationalen Streitkräfte zukünftig noch mehr und noch mehr Neues sowie durch Kooperation mehr gemeinsam und gemeinsam mehr Neues beherrschen.

In den Tagen nach der 49. Münchner Sicherheitskonferenz wird Frankreich ein neues Weissbuch verabschieden. Deutschland wünscht sich, dass Frankreich eine grössere Rolle in der NATO übernehmen wird und dass Grossbritannien sich sicherheitspolitisch in der EU stärker engagiert. Gemäss De Maizière dürfe es weder in der EU noch in der NATO zu einem unkontrollierten Abbau von Fähigkeiten kommen. Im Gegenteil müssten neue Fähigkeiten im Rahmen des “Pooling und Sharing” bzw. mittels “Smart Defence” langfristig aufgebaut werden. Die getroffenen Beschlüsse in diesem Bereich müssten nun pragmatisch umgesetzt werden, was bereits die Grenze des Souveränitätsverzicht einiger Staaten auslote (dabei geht es insbesondere um Luftaufklärung, Lufttransport, Luftbetankung, wichtige Teile der Logistik und der Ausbildung, welche von einigen Staaten für die gesamte NATO abgedeckt werden soll). In diesem Umsetzungsprozess sei die wiederaufkommende Vision einer europäischen Armee fehlplatziert. Die EU soll im sicherheitspolitischen Bereich nicht doppelspurig sondern komplementär zur NATO agieren und sich somit auf die zivile und zivil-militärische Zusammenarbeit konzentrieren. Beispielsweise Mali: Das Eingreifen Frankreichs sei richtig und geboten gewesen. Doch die militärische Intervention schaffe erst die Mindestvoraussetzungen für einen politischen Prozess. Eine militärische Intervention alleine reiche langfristig nicht aus. Bei solchen politischen Stabilisierungsprozessen könnte die EU einen wesentlichen Beitrag leisten.

Erdgasgewinnung durch Fracking: 1) Horizontalbohrung: In die Lagerstätten werden lange Strecken gebohrt. 2) Das Steigrohr wird unten mit Löchern perforiert (Durchmesser 30 bis 40 Zentimeter) 3) Unter hohem Druck wird ein Gemisch aus Wasser, Quarzsand und Chemikalien durch die Löcher in das umliegende Gestein gepresst. 4) Durch den hydraulischen Druck entstehen Risse im Gestein, durch die das Gas fließen kann. Die Risse können sich horizontal bis zu 100 Metern und vertikal bis zu zehn Metern ausdehnen. 5) Das eingepresst Gemisch (Frack-Fluid) wird bis auf den Quarzsand und Chemikalienreste zurückgepumpt. Der Quarzsand hält die künstlichen Risse offen. Das eingeschlossene Gas strömt dem Bohrloch zu und kann nun gefördert werden.

Erdgasgewinnung durch Fracking: 1) Horizontalbohrung: In die Lagerstätten werden lange Strecken gebohrt. 2) Das Steigrohr wird unten mit Löchern perforiert (Durchmesser 30 bis 40 Zentimeter) 3) Unter hohem Druck wird ein Gemisch aus Wasser, Quarzsand und Chemikalien durch die Löcher in das umliegende Gestein gepresst. 4) Durch den hydraulischen Druck entstehen Risse im Gestein, durch die das Gas fließen kann. Die Risse können sich horizontal bis zu 100 Metern und vertikal bis zu zehn Metern ausdehnen. 5) Das eingepresst Gemisch (Frack-Fluid) wird bis auf den Quarzsand und Chemikalienreste zurückgepumpt. Der Quarzsand hält die künstlichen Risse offen. Das eingeschlossene Gas strömt dem Bohrloch zu und kann nun gefördert werden.

The American Oil and Gas Bonanza
Durch Hydraulic Fracturing (Fracking) wurde die Gewinnung von Erdöl und Erdgas in den USA in einem unglaublich rasanten Tempo revolutioniert. Dies wurde unter anderem durch die durchschnittlich höheren Energiepreise möglich, welche Fördermethoden ermöglicht, die vor 10 Jahren noch unrentabel gewesen wären. Mit dem Fracking wird Erdöl und Erdgas aus tiefliegenden gasreichen Steinschichten gefördert. Auch wenn diese Methode bereits seit 1949 bekannt ist, war Fracking vor 6 Jahren kaum im Einsatz und beispielsweise Royal Dutch Shell investierte erstmalig 2008 eine Milliarde US-Dollar in diese Fördertechnik. Gemäss den historischen Statistiken 1965-2011 von BP löste die USA Russland seit 2009 vom Spitzenplatz der Erdgasförderländer ab (Fördermengen Erdgas 2011: 651,3 Mia. m3 in den USA, 607,0 Mia. m3 in Russland, 160 Mia. m3 in Kanada. 2011 wurden rund 1/4 der US-Erdgasförderung durch Fracking gewonnen. Zum Vergleich: die USA verbrauchte 2011 690,1 Mia. m3).

US has just overtaken Russia as biggest gas producer. This is the energy revolution of the 21st century. — Daniel Yergin
, stellvertreteder Vorsitzender der IHS Cambridge Energy Research Associates.

Entwicklung der US-Schiefergasproduktion

Entwicklung der US-Schiefergasproduktion

Eine vertrauliche Studie des Bundesnachrichtendienstes, welche mitte Januar dieses Jahres in den Medien thematisiert wurde, kam zum Schluss, dass die USA bis 2020 vom grössten Energieimporteur der Welt zu einem Energieexporteur werden könnte. Weiter soll die Studie voraussagen, dass die USA dadurch ihr strategisches Interesse am Nahen Osten verlieren würden. Diese Thesen wurden von Carlos Pascual
, US-Spezialgesandter und Koordinator für internationale Energiefragen und Jorma Ollila, 
Vorsitzender des Verwaltungsrates der Royal Dutch Shell relativiert. Beim Erdgas werden die USA voraussichtlich bereits ab 2015 mit dem Export beginnen (dazu sind viel mehr juristische als technische Probleme zu überwinden). Beim Erdöl werden die USA jedoch noch über eine längere Zeit auf Importe angewiesen sein. Nach wie vor sind die USA an Sicherheit und Stabilität im Nahen Osten interessiert. Insbesondere der Ölmarkt ist dermassen globalisiert, dass ein Rückgang der Erdölexporte aus dem Nahen Osten zwangsläufig zu einem höheren Preisniveau führen würde, unabhängig davon wieviele Barrel Öl die USA aus dem Nahen Osten importieren.

Innenpolitisch führt die Verfügbarkeit eigenen Erdöls und Erdgas zu einer zunehmenden Reindustrialisierung der USA. Insbesondere energieintensive Industriesparten profitieren von der hohen Verfügbarkeit und den relativ tiefen Preisen, nicht zu letzt auch weil die USA im Gegensatz zur EU weniger Steuern auf fossile Energieträger veranschlagen. EU-Energiekommissar Günther Oettinger
 warnte vor verpassten Chancen in Europa und damit verbunden vor einer langfristigen Deindustrialisierung Europas. In der EU ist das Fracking wegen den potentiell negativen Auswirkungen auf die Umwelt höchst umstritten und Frankreich verhängte über diese Fördertechnologie sogar ein Moratorium. Im Gegensatz dazu will Polen zukünftig Fracking einsetzen und ausserhalb der EU ist insbesondere die Ukraine am Einsatz dieser Technologie interessiert. Mit der gesteigerten inländischen Erdgasförderung wurde in den USA die Kohle als Energieträger weitgehend verdrängt (die USA verfügen weltweit über die meisten Kohlereserven). Gemäss Ollila soll dies zu einem drastischen Rückgang der Kohlendioxydemissionen geführt haben, so dass die USA in Kombination mit dem Rückgang der Produktion durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise gemäss unveröffentlichte Zahlen, die Kohlendioxydemissionen im Jahre 2012 auf das Niveau von 1990 senken konnte. Die dadurch unverbrauchte Kohle sei jedoch nach Europa und nach Asien exportiert worden. Durch die Erhöhung der eigenen Erdgasförderung nahmen die US-amerikanischen Gasimporte aus dem Nahen Osten ab. Dies kam insbesondere Japan zugute, das damit sein Energiedefizit aus den abgeschalteten Atomkraftwerken ausgleichen konnte. Die zunehmende Autarkie der USA bei der Versorgung mit Erdgas hatte für die EU auch positive Effekte: Gaslieferungen aus dem Nahen Osten stehen in einem grösseren Umfang auf dem Weltmarkt zur Verfügung, so dass die Abhängigkeit der EU von den russischen Gaslieferungen etwas abgedämpft werden konnte.

Fracking ist ökologisch höchst umstritten: Verunreinigtes Grundwasser durch Fracking.

Fracking ist ökologisch höchst umstritten: Verunreinigtes Grundwasser durch Fracking.

Dem Fracking wird eine globale Verbreitung prognostiziert. Es wird angenommen, dass insbesondere China diese Fördertechnologie möglichst bald einsetzen wird, was die Verfeuerung von Kohle und Öl zur Energiegewinnung und damit auch die Kohlendioxydemission verringern wird. Oettinger machte jedoch keinen Hehl daraus, dass die Substitution von Kohle und Erdöl durch Erdgas bei der Energiegewinnung noch nicht ausreichen wird um die Klimaziele von 2020 zu erreichen. Erdgas wird helfen einen für die Klimaziele günstigeren Energiemix zu schaffen, doch der Ausbau der erneuerbaren Energien muss unvermindert weitergeführt werden. Andererseits ist trotz dem Ausbau der erneuerbaren Energien damit zu rechnen, dass auch die nächsten 70 Jahre noch nicht auf fossile Rohstoffe als Teil des Energiemix verzichtet werden kann. Gemäss Oettinger könnte die Gewinnung von Sonnenenergie die Basis einer Mittelmeerpartnerschaft zwischen der EU und den nordafrikanischen Staaten schaffen. Dies wäre auch deshalb wichtig, weil die EU keine Konzepte als Antwort zum Arabischen Frühling und zur Stabilisierung der neuen Demokratien vorweisen kann. Gemäss Planung soll im Rahmen von Desertec ein erstes Solarkraftwerk in Marokko aufgebaut werden, welches den produzierten Strom nach Spanien leiten soll (vgl.: Markus Balser, “Fünf für die Wüstenstrom-Vision“, Süddeutsche Zeitung, 31.10.2012).

What future for the Euro-Atlantic security community?
Die nicht verstummende Unruhe in einigen europäischen sicherheitspolitischen Kreisen über die pazifische Neuausrichtung der USA, welche US-Präsident Barack Obama im November 2011 in einer Ansprache vor dem australischen Parlament ankündigte, ging nicht unbemerkt an den US-Politikern vorbei. US-Vizepräsident Joe Biden relativierte die Aussage in seiner Ansprache: “The good news are, we don’t going anywhere. The bad news are we don’t going anywhere.” Nach wie vor stelle Europa bei den internationalen Beziehungen der USA ein Eckpfeiler dar und sei ein Katalysator für die globale Kooperation. In den letzten vier Jahren umfasste die transatlantische Zusammenarbeit unteranderem die Stabilisierung des Iraks, die militärische Mission in Afghanistan, die Verhandlungen bzw. Sanktionen im Rahmen des iranischen Atomprogramms, die Bewältigung der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, der Kampf gegen den globalen Terrorismus sowie die Beziehungen zu Russland. Wirtschaftlich betrachtet sei die EU der grösste Geschäftspartner der USA, die Beiträge zur Sicherheit und Stabilität auf der Welt sei unverzichtbar und deshalb habe die USA ein grosses Interesse an einem starken Europa. Bevor die USA einen Verbündeten irgendwo in der Welt suche, würden sie nach Europa schauen – bevor Europa einen Verbündeten in der Welt suche, schaue es zu den USA. Das Interesse der USA an Sicherheit und Stabilität in der Pazifikregion sei gestiegen, was aber auch im Interesse Europas, sogar im Interesse Russlands liege.

US-Vizepräsident Joe Biden (für einen Videomittschnitt seiner Rede auf das Foto klicken)

US-Vizepräsident Joe Biden (für einen Videomittschnitt seiner Rede auf das Foto klicken)

Gemäss Biden wurden in den letzten vier Jahren Fortschritte im Kampf gegen den Terrorismus erzielt. Zwar gebe es immer noch terroristische Gruppierung im Maghreb, in Somalia und in Jemen aber sie würden nicht die gleiche Gefahr wie der Kern der al-Qaida ausstrahlen, welcher nachhaltig geschwächt wurde. Mit Russland sei ein Neustart versucht worden, doch weder die USA noch Russland seien naiv – natürlich gäbe es Differenzen zwischen den Interessen beider Staaten. In einigen Bereichen würden die USA und Russland zusammenarbeiten, beispielsweise in der Bekämpfung des Terrorismus. Bezüglich Syrien seien beide Staaten unterschiedlicher Ansichten, doch die internationale Staatengemeinschaft müsste sich mindestens darauf einigen können, dass das syrische Volk Not leide, und dass die internationale Staatengemeinschaft eine Verantwortung trage.

Auch der stellvertretende US-Verteidigungsminister Ashton Carter erklärte noch einmal, dass die “Neuausrichtung” der USA keine Abwendung von den transatlantischen Beziehungen bedeuten würde. Die USA sei seit 70 Jahren im pazifischen Raum aktiv und mitverantwortlich für Sicherheit und Stabilität in der Pazifikregion – die USA wolle dieses Engagement weiterführen. Auf der anderen Seite unterstrich der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle, dass die transatlantische Kooperation für Deutschland an erster Stelle stehe, dass Deutschland jedoch auch Russland als integrierter Partner wünsche, denn “[w]er über die euro-atlantische Sicherheit spricht, der muss den ganzen Raum denken, von Vancouver bis Wladiwostok”. Russland sei deshalb auch beim Aufbau des Raketenabwehrschilds eng miteinzubeziehen. Gegenüber dem Iran sei das Gesprächsangebote auf dem Tisch, doch die Ankündigung des Irans seine Urananreicherung zu beschleunigen sei ein falsches Signal (vgl.: “Iran will Urananreicherung beschleunigen“, Süddeutsche Zeitung, 31.01.2013). Westerwelle musste zugeben, dass bei den Verhandlungen mit dem Iran in den letzten 12 Monaten keine Fortschritte erzielt werden konnten. Das Eingreifen Frankreichs in Mali bezeichnete Westerwelle als richtig und wichtig. Nun gehe es aber darum gemeinsam mit afrikanischen Partnern für eine langfristige Stabilisierung in Mali zu sorgen. Westerwelle ist hinsichtlich der Staatsschuldenkrise im Euroraum “zuversichtlich, dass der ‘turnaround’ [sic] in der Europäischen Union mit der richtigen Mischung aus Konsolidierung, Solidarität und wachstumsfördernden Strukturreformen auf gutem Weg ist” und dass die EU aus dieser Krise gestärkt hervorgehen wird. Die strategische Zusammenarbeit mit den USA sei bei der Bewältigung globaler Aufgaben Europas stärkster Trumpf.

Der russische Aussenminister Sergei Lawrow unterstrich am Anfang seiner Ansprache die Zusammenarbeit Russlands mit den USA beim neuen START-Vertrag, bei der Terrorismusbekämpfung und bei der Piraterie-Bekämpfung. Trotzdem würden noch viele Herausforderungen bestehen, bei denen die USA und Russland verschiedene Ansichten vertreten würden. Für Russland sei es wichtig, das ein globaler Ansatz, nicht einen NATO-zentrischer verfolgt werde. Auch wenn der Kalte Krieg beendet sei und sich die beiden Blöcke nicht mehr als Feinde betrachten würden, so sei ein Block- und Lagerdenken immer noch in vielen Bereichen zu erkennen. Beispielsweise möchte sich die NATO immer noch nach Osten ausweiten und würde damit neue Trennlinie aufreissen. Auch bei der NATO-Initiative “Smart Defense” habe die NATO bis jetzt nicht klar kommuniziert, gegen wen sich das Bündnis verteidigen wolle. Trotz den Differenzen seien Russland, die USA und die EU bei einigen Punkten des Syrienkonflikts einer Meinung: der Einsatz von Chemiewaffen sei nicht akzeptierbar. Solange sich die Chemiewaffen in der Hand der Regierung befinden würden, sei keine solche Gefahr absehbar – eine Übernahme der Chemiewaffen durch Rebellen wäre jedoch sehr bedenklich.

Gespräche: Dr. Thomas de Maizière, Deutscher Verteidigungsminister, und Ueli Maurer, Schweizer Bundespräsident Präsident sowie Vorsteher des Eidgenössischen Departments für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport.

Gespräche: Dr. Thomas de Maizière, Deutscher Verteidigungsminister, und Ueli Maurer, Schweizer Bundespräsident Präsident sowie Vorsteher des Eidgenössischen Departments für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport.

Pooling and sharing – the future of European defense
Mit “Pooling and Sharing” wird ein Ansatz der EU und der NATO (hier als “Smart Defense“) bezeichnet, bei dem militärische Fähigkeiten von einem Staat für mehrere Staaten zur Verfügung gestellt werden. Damit sollen finanzielle Ressourcen eingespart werden. Was auf dem Papier einfach aussieht, tangiert jedoch die staatliche Souveränität. Wegen der besseren Integration der Streitkräfte könnte dieser Ansatz innerhalb der NATO einfacher umsetzbar sein als auf europäischer Ebene. Bereits die EU Battlegroups existieren faktisch nur auf dem Papier, jedenfalls nach Ansicht von Jeanine-Antoinette Hennis-Plasschaert, niederländische Verteidigungsministerin. Sie ist auch der Meinung, dass die betroffenen Militärs sehr wohl die Notwendigkeit einer umfassenden Kooperation untereinander erkannt hätten, dass aber die Politiker in den jeweiligen Staaten noch dazulernen müssten.

[...] Mali is the sort of contingency that the EU’s “battlegroups” (formations of about 1,500 soldiers deployable at short notice) could be taking on. The unit currently on the roster, the “Weimar battlegroup”, is led by Poland with contributions from France and Germany. But for the Poles, already committed in Afghanistan, Mali is a foreign war too many. And the Germans are always reluctant to put boots on the ground. Established since 2007, the battlegroups have never seen action. Enthusiasm for them is already waning. There are supposed to be two battlegroups at the ready in each six-month period, but lack of contributions means this has dropped to one. — “Europe in a foreign field: The Europeans’ ability to deploy force abroad is falling, but Mali shows it is still needed“, 19.01.2013.

Gemäss General Jean-Paul Paloméros, NATO Supreme Allied Commander Transformation, seien im militärischen Bereich momentan zwei Herausforderungen zu erkennen: Erstens würden die schnellen globalen Veränderungen eine flexible militärische Reaktion erfordern, weshalb die Interoperabilität der verschiedenen Streitkräfte äusserst wichtig sei, und zweitens müsse mit einem eingeschränkten Budget die dazu notwendigen militärischen Fähigkeiten entwickelt werden. Beide Herausforderungen würden die Wichtigkeit einer internationalen Kooperation unterstreichen, welche durch “Pooling and Sharing” wie auch durch “Smart Defense” umgesetzt würde. Dabei konzentrieren sich beide Vorgehen nicht nur auf militärische Gerätschaften, sondern auf Fähigkeiten, logistische Leistungen usw. Bereiche in denen es grosse Defizite gäbe und bei denen “Pooling and Sharing” bzw. “Smart Defense” diese Fähigkeitslücken beheben könnte seien Luftbetankung (wird von der EDA weiterverfolgt, weil dieses Defizit insbesondere auf europäischer Seite zu erkennen ist; siehe Projektseite der EDA zur Luftbetankung), Meeresüberwachung, Helikopterausbildung, Smart Munition und ballistische Raketenabwehr. Im Bereich der “Smart Defense” seien rund 25-30 Projekte auf den Weg gebracht.

Die Ausführungen des stellvertretende US-Verteidigungsminister Ashton Carter zeigten, dass die US-amerikanische Skeptik über das insbesondere von europäischen Staaten favorisierte “Pooling and Sharing” bzw. “Smart Defense” wohl noch nicht ganz überwunden ist. Einerseits sei “Pooling and Sharing” bereits Fakt, beispielsweise in Afghanistan. Doch andererseits dürfe nicht vernachlässigt werden, dass die USA eine gewisse Verpflichtung gegenüber der Rüstungsindustrie im eigenen Land habe. Die Beziehungen zur Rüstungsindustrie stehe nach der Beziehung zu den Frauen und Männer in Uniform an zweiter Stelle. Für die USA sei die Rüstungsindustrie ein Partner, welcher helfe das Land zu schützen. Die Interessen im Pentagon würden mit den langfristigen Interessen von Investoren der Rüstungsindustrie und dementsprechend langfristige Investitionen abgeglichen, die zu mehr Wachstum und Produktivität führen sollen. Das hasse, dass die USA auch in Zukunft gewisse Rüstungsvorhaben alleine entwickeln und produzieren werden. Carter machte keinen Hehl daraus, dass die US-amerikanischen Ressourcen durch den Krieg in Afghanistan und im Irak überdehnt worden sind:

Wir in den Vereinigten Staaten haben uns auf einen grossen strategischen Wandel eingelassen: vom Irak und Afghanistan hin zu den Sicherheitsherausforderungen, die uns künftig unsere Zukunft definieren werden. Aus schierer Notwendigkeit waren wir sehr stark auf die Kriege in Irak und Afghanistan fokusiert. Sie haben unsere Aufmerksamkeit und unsere Ressourcen gänzlich aufgefressen. Das musste zu dem Zeitpunkt so sein, aber diese Zeit geht langsam zu Ende. — Stellvertretende US-Verteidigungsminister Ashton Carter.

 
Weitere Informationen

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One Response to 49. Münchner Sicherheitskonferenz (1/2)

  1. Nach Meinung vieler Regierungen ist Fracking die Lösung der Energie-Probleme. Einer neuen Studie der Energy Watch Group zufolge zögert die Fördermethode das Ende von Öl und Gas jedoch nur um wenige Jahre hinaus. Gemäss dieser Studie soll die Förderung von Öl und Gas in den USA von 2015 bis 2017 deutlich sinken -> Werner Zittel, Jan Zerhusen und Martin Zerta, “Fossil and Nuclear Fuels – the Supply Outlook“, Energy Watch Group, März 2013.

    Quelle: Artur Lebedew, “Das Öl geht zur Neige – trotz Fracking“, Süddeutsche Zeitung, 25.03.2013.

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