Rüstungsprogramm 2012: Kampfflugzeug Gripen E

Gripen vor MatterhornAm 14. November 2012 verabschiedete der Bundesrat das Rüstungsprogramm 2012. Es beinhaltet nur einen einzigen Beschaffungsposten: den Kauf von 22 Kampfflugzeugen Gripen E in Höhe von 3,126 Milliarden SFr. Die Finanzierung des Gripen E wird im zugehörigen Gripen-Fondsgesetz geregelt. Die 22 Gripen E sollen die veralteten 54 F-5 Tiger ersetzt werden, welche die technologischen Mindestanforderungen für den Luftpolizeidienst nicht mehr erfüllen können. Der F-5 Tiger kann weder bei Nacht noch bei allen Wetterlagen eingesetzt werden, das Bordradar erfasst tiefer fliegende Objekte nicht und an der Flugzeugzelle treten vermehrt Strukturschäden auf. Zusammen mit den 33 F/A-18, die bis nach 2030 im Einsatz stehen werden, sollen sie den Luftpolizeidienst und notfalls die Luftraumverteidigung sicherstellen. Ausserdem will die Luftwaffe mit dem Gripen E die Grundfähigkeiten zur Luftaufklärung und zur Bekämpfung von Bodenzielen wieder aufbauen. Diese beiden Fähigkeiten wurden mit der Ausserdienststellung der Dassault Mirage IIIRS ab 2004 (Luftaufklärung) und der Hawker Hunter ab 1995 (Erdkampf) vorübergehend aufgegeben.

Bei der Evaluierung des Tiger Teilersatzes hätte die operationelle Wirksamkeit mit 60% einfliessen sollen. Ausschlaggebend für die Wahl des Gripen E waren jedoch finanzielle Faktoren: sowohl bei der Beschaffung, wie auch beim Betrieb und dem Unterhalt schneidet der Gripen E deutlich günstiger als seine Konkurrenten ab. Wegen den finanziellen Zwängen, in denen die Schweizer Armee steckt, hat sich der Bundesrat entschieden, auf die Maximalleistung zu verzichten und dafür ein kostengünstiges Kampfflugzeug anzuschaffen. Nationalrat Thomas Hurter (SVP,SH) äusserte an der Pressekonferenz der Subkommission der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats (SiK-N), dass alle durch die Subkommission eingesehenen Unterlagen nur eine knapp befriedigende operationelle Wirksamkeit des Gripens aufzeigen würden. Ausserdem hält der Bericht der Subkommission fest, dass der Gripen technisch gesehen auf dem letzten Platz rangiert – der technische Sieger war die Dassault Rafale (Quelle: Markus Häfliger, “Variante mit den meisten Unsicherheiten“, NZZ, 21.03.2012). Diesem Urteil scheint der Bundesrat nicht oder nur teilweise zuzustimmen, denn in der Botschaft zur Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen wurde festgehalten, dass die “operationelle Wirksamkeit des Gripen […] in den drei Einsatzarten Luft-Luft, Aufklärung und Luft-Boden als genügend bis gut” bzw. die operationelle Eignung als gut beurteilt wird. Der Bundesrat nennt den Typenentscheid in der Botschaft zur Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen als “richtungsweisend: Auch bei anderen künftigen Beschaffungen wird es darum gehen, auf technische Maximallösungen zu verzichten, wenn sie das finanzielle Gleichgewicht der Armee gefährden”. Eigentlich hätten die 54 F-5 Tiger durch 33 neue Kampfflugzeuge ersetzt werden müssen, doch aufgrund der finanziellen Rahmenbedingungen wurde diese Anzahl schon zu Beginn des Beschaffungsprojekts auf 22 Kampfflugzeuge reduziert. Die Anzahl der Kampfflugzeuge ist unabhängig von der demografischen Grösse eines Landes, bestimmt jedoch massgebliche die Durchhaltefähigkeit der Luftwaffe (um Details zu erfahren siehe hier).

Die vorgesehene enge Partnerschaft mit Schweden weist bedeutende Vorteile bei der Ausbildung, dem Unterhalt, dem Ersatzteilmanagement und der Kampfwertsteigerung auf. So wird die Schweizer Luftwaffe jährlich während drei Monaten (einschliesslich Juni, Juli und August zur Reduktion der Lärmbelastung in der Schweiz während der Sommerferienzeit) mit einem Verband von bis zu 8 Kampfflugzeugen auf einer Basis der Schwedischen Luftwaffe trainieren können. Ausserdem werden die Schweizer und die Schwedische Luftwaffe ihr Ersatzmaterial für den Gripen E in einem gemeinsamen Pool zusammenlegen. Darüber hinaus wollen die Schweiz und Schweden in einen engen und regelmässigen sicherheitspolitischen Dialog treten, intensiven Informationsaustausch über operationelle militärische und technische Fragen pflegen und weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen (beispielsweise im Bevölkerungsschutz) ausloten. Das Kompensationsvolumen von Saab in der Schweiz wird auf rund 2,5 Milliarden SFr geschätzt. Bis dato sind die Rückmeldungen aus der Schweizer Industrie jedoch nicht sehr positiv, denn die Business-to-Business-Meetings zwischen Vertretern von Saab und der Schweizer Zulieferer scheinen nicht sehr erfolgreich zu laufen. Die Teilnahme der Schweizer Industrie war gering, weil viele schwedischen Zulieferanten den Meetings fernblieben. Gemäss Aussagen des Offsetbüros sei die Stimmung in der Schweizer Industrie bezüglich Saab nicht sehr gut – es bestehe der Eindruck, dass Saab seinen Worten keine Taten folgen lässt. Gemäss Aussagen des Offsetbüros wird Saab grosse Anstrengungen leisten müssen, um seine Offsetverpflichtungen erfüllen zu können (vgl.: Beni Gafner, “Gripen-Bauer Saab kontaktiert Swissmem“, Tagesanzeiger, 13.11.2012). Die Kompensationsgeschäfte sollen eine Beschäftigungswirksamkeit von 10’000 Mannjahre aufweisen und zusätzlich zu einem Know-How-Aufbau und einer Wertschöpfung in technologisch hochstehenden Industriezweigen führen.

Bei der Bewaffnung sind zwei Arten von Luft-Luft-Lenkwaffen vorgesehen: die Infrarot Lenkwaffe AIM-2000 IRIS-T und die Radar-Lenkwaffe MBDA Meteor. Im Gegensatz zur Radar-Lenkwaffe AMRAAM AIM-120 soll die Meteor eine deutlich gesteigerte Einsatzreichweite aufweisen. Wenn sie 2014 bei der Deutschen Luftwaffe in Dienst gestellt wird, wird sie die erste Luft-Luft Rakete mit einem Staustrahltriebwerk sein. Zur Luftaufklärung sollen 4 RecceLite (Multi-spectral, visual und IR) und für die Laser-Zielbeleuchtung bei Luft-Boden-Einsätzen 8 Litening (beide Systeme stammen von der israelischen Rafael Advanced Defense Systems) zum Einsatz kommen. Als Lenkbomben sind 220 kg schwere Sprengbomben mit vor dem Abwurf wählbarer Laser- oder GPS-Lenkung vorgesehen.

Gripen: Beladungsvarianten Schweiz

Beim Gripen E handelt es sich um einen Einsitzer. Auf die Zweisitzervariante Gripen F wurde bewusst verzichtet, weil er teurer ist, keine Bordkanone und einen kleineren Treibstofftank besitzt. Die Ausbildung soll auf zwei Flugsimulatoren sichergestellt werden. Sowohl auf dem F/A-18 wie zumindest anfänglich auch auf dem Gripen werden nur Berufsmilitärpiloten eingesetzt. Da der F-5 Tiger primär von Milizpiloten geflogen wird, bedeutet dies eine beachtliche Verringerung der Milizkomponente und eine Erhöhung der Anzahl Berufsmilitärpiloten. Insgesamt sind für den Betrieb des Gripen E 150 Vollzeitstellen vorgesehen: 41 Berufsmilitärpiloten, 6 Berufsoffiziere für die Grundfähigkeiten Luftaufklärung und Bekämpfung von Bodenzielen, 3 Berufsunteroffiziere für die Ausbildung und 100 Stellen für ziviles Berufspersonal

Gemäss der Offerte der schwedischen Regierung wird der erste Gripen E Mitte 2018 für die Abnahme durch die schwedische und die schweizerische Beschaffungsinstanz bereitgestellt. Danach ist die Lieferkadenz von einem Flugzeug pro Monat vorgesehen, wobei die Lieferung der ersten drei Kampfflugzeuge an die Schwedische Luftwaffe erfolgen wird. Schliesslich 2021 werden alle 22 Gripen E, aufgeteilt in zwei Staffeln, in der Schweiz in Dienst stehen. An welchen Standorten die beiden Staffeln stationiert werden, ist noch nicht entschieden. Bis zur Ablieferung der 22 Gripen E soll für 44 Millionen SFr pro Jahr eine Staffel Gripen C/D (8 Einsitzer und 3 Doppelsitzer) von der schwedischen Luftwaffe gemietet werden.

Der Gripen soll über einen Fonds finanziert werden, der aus dem ordentlichen Budget der Armee gespiessen werden muss. Das heisst, dass die Armee mit dem Rüstungsprogramm 2012 kein zusätzliches Geld zugesprochen bekommt, sondern die Finanzierung die nächsten Jahre ansparen muss. Mit der Ankündigung, dass es 2013 kein Rüstungsprogramm geben wird, werden Neuinvestitionen in Rüstungsmaterial einmal mehr sträflich vernachlässigt. Wird das Gripen-Fondsgesetz abgelehnt, kann das Kampfflugzeug nicht beschafft werden. Voraussichtlich in der ersten Hälfte 2013 werden Stände- und Nationalrat über das Gripen-Geschäft entscheiden. Die Sozialdemokratische Partei und die Grüne Partei der Schweiz haben bereits angekündigt, dass sie das Referendum ergreifen werden (Quelle: “SP und Grüne kündigen Referendum gegen Gripen an“, Tagesanzeiger, 14.11.2012). Würde das Referendum zu Stande kommen – davon kann ausgegangen werden – so würden die Schweizer Stimmbürger voraussichtlich in der ersten Hälfte 2014 darüber abstimmen (Quelle: Markus Häfliger, “Bundesrat setzt definitiv auf den Gripen“, 14.11.2012).

Bereits sind weitere Rüstungsvorhaben im Bereich der Luftwaffe vorgesehen: mit dem Rüstungsprogramm 2015 soll voraussichtlich für 300-400 Millionen SFr das Aufklärungsdrohnensysteme 95 Ranger (ADS 95 Ranger) durch 6 Hermes 900 von Elbit Systems oder 6 Heron 1 von IAI ersetzt werden. Beim Luftraumüberwachungs- und Frühwarnsystem FLORAKO sind technische und betriebliche Anpassungen und Erneuerungen geplant, um dessen Wirksamkeit auch im nächsten Jahrzehnt sicherzustellen. Ausserdem sollen in den nächsten 10 Jahren die heutigen drei Fliegerabwehrsysteme 35 mm Fliegerabwehrkanone 63/90, Rapier und Stinger durch eine nächste Generation von Fliegerabwehrmitteln ersetzt werden. Schliesslich muss irgendwann der Transporthelikopter 98 Cougar einem Werterhaltungsprogramm unterzogen werden und ab 2030 die 33 F/A-18 abgelöst werden und .

Und hier noch die aufdatierten Daten des Gripen E (Quelle: Schweizer Bundesrat, “Botschaft zur Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen“, 14.11.2012, p. 27)

Kenngrösse Daten
Typ: Mehrzweckkampfflugzeug
Länge: 14,2 m
Höhe: 4,50 m
Flügelspannweite: 8,6 m
Flügelfläche: 31,1 m²
Leermasse: 8’000 kg
Ablugmasse ohne Aussenlast: 11’500 kg
max. Abflugmasse: 16’500 kg
Mitgeführter Treibstoff (intern): 3’500 kg
max. Ladegut (Waffen, externe Treibstofftanks): 6’000 kg
Max. Geschwindigkeit im Tiefflug: Mach 1,2 (1’400 km/h)
Höchstgeschwindigkeit: Mach 2 (Supercruise)
Steigleistung: >200 m/s
Dienstgipfelhöhe: >16’000 m
Startrollstrecke: 800 m
Startrollstrecke mit Nachbrenner: 500 m
Landerollstrecke: 600 m
Besatzung: 1 (Einsitzer)
Bewaffnung: Eine 27 mm Mauser BK-27 Kanone. Zehn Aufhängungen für Missiles, Bomben, Pods und Aussentanks.
Boardradar: Selex Galileo ES05 Raven
Triebwerk: Ein General Electric F414G Mantelstromtriebwerk mit 64kN Schub (max. 98 kN mit Nachbrenner).
Systempreis: rund 113 Mio. SFr
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8 Responses to Rüstungsprogramm 2012: Kampfflugzeug Gripen E

  1. Die Schweiz zahlt für einen Gripen-Kampfjet 15 bis 30 Prozent weniger als Schweden. Ein Gripen E wird die Schweiz 100 Millionen Franken kosten. Schweden zahlt für das gleiche Flugzeug mindestens 115, je nach Aufrüstung 130 Millionen Franken. Schwedens Flug- und Rüstungsindustrie braucht dringend Grossaufträge. Nach rückläufigen Zahlen in den letzten Jahren stehen mehr als 100’000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Entsprechend wichtig ist der schwedisch-schweizerische Gripen-Deal für Schwedens Wirtschaft und für die Regierung.

    Dieser Preis beinhaltet die Entwicklungskosten und den Aufbau einer gesamten neuen Produktionskette. Wir wissen um das gute Ansehen der Schweizer Luftwaffe in der ganzen Welt. Einen solchen Partner brauchen wir. Und davon werden wir langfristig profitieren können. — Karin Enström, schwedische Verteidigungsministerin.

    Ein anderer Grund für die Preisdifferenz: Bundesrat Ueli Maurer hat schon früh in den Verhandlungen mit Schweden einen Fixpreis festgesetzt. Bei der vierten offiziellen Verhandlungsrunde im November 2011 einigte sich Maurer mit den Schweden auf einen Stückpreis von 100 Millionen Franken.

    Quelle: Adrian Arnold, “Schweiz erhält Gripen zum Vorzugspreis“, Schweizer Fernsehen, 09.12.2012.

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