Rezension: Sniper. 160 tödliche Treffer – Der beste Scharfschütze des US-Militärs packt aus

von Seka Smith

sniperbuchDer Geruch des Irak: “Gemisch aus Abwasser, Schweiß und Tod”

Chris Kyle war ein Ausnahmesoldat. Er war Mitglied des SEAL Team 3. 10 Jahre (1999-2009) lang diente er bei der US Navy.

Vier Kriegseinsätze führten Kyle in den Irak. Darunter war er mehrmals bei der polnischen Spezialeinheit GROM eingesetzt. Er nahm an fast allen größeren Schlachten während der Operation Iraqi Freedom als Scharfschütze teil. Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums tötete Kyle 160 Feinde. 225 nach unbestätigten Aussagen. Das ist der bis dato höchste “Bodycount” in der Geschichte der amerikanischen Armee.

“Ich erschoss durchschnittlich zwei bis drei Menschen am Tag, manchmal auch weniger, manchmal deutlich mehr, und es schien kein Ende in Sicht.” (S. 164)

2008 bewies Kyle seine außerordentliche Treffsicherheit, auch wenn der Schuß nur mit viel Glück gelang. Kyle traf außerhalb von Sadr City, einem Vorort von Bagdad, auf die bisher größte Entfernung, auf die bis dato jemals ein Scharfschütze getroffen hat. Auf 1,2 Meilen Entfernung tötete Kyle einen Aufständischen, der mit einem Raketenwerfer bewaffnet war.

Kämpfe in Ramadi

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Chris Kyle im Einsatz als Scharfschütze im Irak

Kyle war als Scharfschütze so erfolgreich geworden, dass die Aufständischen ihm in Ramadi den Namen “al-Shaitan Ramadi” – den Teufel aus Ramadi – gaben. 80.000 US-Dollar Kopfgeld hatten die Aufständischen auf Kyle ausgesetzt. Seine Kameraden hingegen nannten Kyle einfach nur “die Legende”.

Kyle beschreibt die Kämpfe in Ramadi als überaus blutig und intensiv:

“Als das Gefecht eines Tages gerade am Erlahmen war, banden wir den Dummy an eine Stange und hielten ihn über das Dach, um eine Reaktion zu provozieren. In der Tat kamen einige Aufständische heraus, die wir prompt töteten. Wir schlachteten sie einfach ab.” (S. 287)

“Innerhalb einer Stunde hatten wir einen Mann erschossen, der uns in die Luft jagen wollte, versucht sein Leben zu retten und seinen Leichnam geschändet. Das Schlachtfeld ist ein bizarrer Ort.” (S. 290)

 “Du tust es, bis niemand mehr übrig ist, den du erschießen kannst.”

In Texas aufgewachsen, christlich erzogen und bereits als Achtjähriger in der Jagd ausgebildet, hatte der kleine Chris bereits mit jungen Jahren den Umgang mit der Waffe erlernt. Die Eltern vermittelten ihm die christlichen Tugenden. Doch, das wird im Buch immer wieder deutlich, dient ihm das Christentum und sein Patriotimus als moralischer Zufluchtsort und Rettungsanker für das eigene Gewissen.

Dass er all die Menschen getötet hat, tut ihm nicht leid, denn gerichtet wird erst am Jüngsten Tag – und vor diesem hat er er keine Angst. Kyle lebt im Glauben, das Richtige getan zu haben. Das wirkt umso verstörrender, wenn er verlautbaren lässt, dass er während seines Kriegseinsatzes am liebsten jeden Iraker umgebracht hätte. Nur die Vorschriften, so schreibt er, hielten ihn zurück.

Keine Journalisten und unnütze Vorschriften

Kyle beklagte während seiner Irakeinsatze vor allem zwei Dinge:

1. Die Einbettung von Journalisten, die, seiner Ansicht nach, verfälschte Berichte in die Heimat sandten:

“Einer der größten Fehler, die man in diesem Krieg meiner Meinung nach beging, war die Einbettung von Medienvertretern in die Einheiten. Die meisten Amerikaner können mit der Realität des Krieges ohnehin nicht umgehen und die Berichte, die die Reporter und Journalisten nach Hause sandten, halfen uns nicht gerade.” (S. 315)

2. Für Kyle sind Vorschriften im Krieg nur hinderlich. Soldaten mussten über jeden Todesschuss Protokoll führen und einen Zeugen benennen. Immer wieder ärgert er sich darüber, dass die US-Militärstaatsanwaltschaft gegen die eigenen Soldaten ermittelt. Für ihn ist es eine unnötige bürokratische Gängelung durch die Politik, die den Soldaten vor Ort das Ausüben ihres Kriegshandwerks nur unnötig erschwert:

“Ich sehe das so: Wenn ihr uns losschickt, um einen Auftrag zu erledigen, dann lasst uns gefälligst auch unseren Job machen. Für den Rest haben wir Admiräle und Generäle – sie sollten uns die Befehle erteilen, nicht ein schäbiger Kongressabgeordneter, der in einem bequemen Ledersessel sitzt, in seinem klimatisierten Büro in Washington an seiner Zigarre pafft und mir Vorschriften darüber macht, wann und wo ich jemanden erschießen darf und wann nicht.” (S. 315)

Solche Einsichten eines Soldaten sind fatal für die Aufstandsbekämpfung (Counterinsurgency), denn diese Art Soldaten, wie Kyle sie repräsentiert, sind prädestiniert für Kriegsverbrechen. Handeln ohne Nachzudenken.

kyl3Langsam, aber sicher entsteht aus den einzelnen Erzählteilen das Bild eines Mannes, der die Welt nur in Freund und Feind unterscheidet, und eine extrem aggressive Natur aufweist. Das bezeugt sein prahlerisches Schreiben über die vielen Gewalteskapaden und Schlägereien in jungen Jahren und während seiner Dienstzeit als Navy Seal.

Ein beispielhafter Vorfall ereignete sich bei der Durchsuchung eines iranischen Öltankers im Golf. Es sollte geprüft werden, ob die Fracht gegen UN-Sanktionen verstoßen hat. Der iranische Kapitän war aggressiv und wehrte sich. Aber anstatt den Kapitän zu überwältigen und zu fesseln, wurde er mißhandelt. “Irgendwie verlor ich dabei aber das Gleichgewicht und rutschte aus. Ich stütze mich ruckartig auf meinen Ellenbogen ab und landete damit – rein zufällig, versteht sich – in seinem Gesicht. Und das gleich ein paar Mal.” (S. 73)

Obwohl Kyle behauptet, keine Flashbacks aus dem Krieg zu haben, beschreibt er zwei Mal Symptome einer PTBS:

Eines Tages löste seine Frau beim nach Hause kommen die Alarmanlage aus. “Das Geräusch der Sirene erschreckte mich zu Tode. Mit einem Schlag war ich wieder in Kuwait. Blindlings suchte ich unter dem Schreibtisch Schutz, denn ich wähnte mich plötzlich inmitten eines Scud-Angriffs.” (S. 108). Wenig später beschreibt er eine Szene, in der wieder die Alarmanlage der Auslösefaktor ist und wie er versucht, einen Eindringling mit entsicherter Waffe im Haus zu stellen. Erst nach einer Weile merkt er, dass er sich selbst verfolgt. Die Alarmanlage reagierte auf Bewegungen.

Fazit

Das Buch ist eine persönliche Beschreibung seiner Erlebnisse im Irakkrieg. Wer den Krieg aus der Perspektive eines Navy Seal erleben möchte, ist hier richtig. Hier bekommt man eine eindringliche Beschreibung des alltäglichen Wahnsinns im Irak: Wie Menschen töten und getötet werden.

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Eddie Ray Routh

Die ehrlichen Worte Kyles führen auch zum Einblick in seine Seele und sein verschobenes christliches Denken. Das Buch ist nicht nur eine Erzählung aus dem Krieg, sondern auch ein Psychogramm eines christlichen Fundamentalisten, für den die Welt aus Schwarz und Weiß besteht. “Was meine Rolle im Krieg angeht, habe ich ein reines Gewissen.” (S. 394) “Jeder Schuss war gerechtfertigt. Sie haben es verdient zu sterben.” (S. 395)

Kyle beendete seine Laufbahn als SEAL mit zwei Silver Stars und fünf Bronze Medals, alle für Tapferkeit. Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst gründete er das Sicherheitsunternehmen Craft International und lebte fortan in Texas.

Am 2. Februar 2013 wurde Chris Kyle und ein Bekannter in Glen Rose (Texas) von Eddie Ray Routh, einem Irakkrieg-Veteranen, erschossen. Er hatte PTBS.

Kyle, Chris/DeFelice, Jim/McEwen, Scott (2012): Sniper. 160 tödliche Treffer – Der beste Scharfschütze des US-Militärs packt aus. Riva. 400 Seiten. 19,99 Euro.

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One Response to Rezension: Sniper. 160 tödliche Treffer – Der beste Scharfschütze des US-Militärs packt aus

  1. Nicholas Schmidle writes in “The New Yorker” about the tragic death of Chris Kyle at the hands of another veteran who had sought help for his PTSD from the government, but didn’t receive it in time: Nicholas Schmidle, “In the crosshairs“, The New Yorker, 01.06.2013.

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